Bei einem erneuten russischen Raketenangriff auf Kiew sind in der Nacht nach ukrainischen Angaben mindestens neun Menschen getötet worden. Weitere 23 Menschen wurden verletzt, darunter zwei Jugendliche. Die Hauptstadt wurde nach Behördenangaben mit ballistischen Raketen beschossen; ein Reporter vor Ort berichtete von heftigen Explosionen.
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hatte in der Nacht zunächst von Explosionen in der Stadt berichtet und erklärt, Kiew werde mit ballistischen Raketen angegriffen. Auf Telegram schrieb er, in mehreren Bezirken seien Wohnhäuser und Gewerbegebäude beschädigt worden, Autos hätten in Brand gestanden. Ein fünfstöckiges Wohnhaus sei durch herabstürzende Raketentrümmer beschädigt worden; dort seien Menschen eingeschlossen gewesen. Klitschko rief die Bewohnerinnen und Bewohner auf, in Schutzräumen zu bleiben, und kündigte an, die Behörden würden die Schäden erfassen. Viele Menschen verbrachten die Nacht erneut in U-Bahnstationen oder im Freien. Das genaue Ausmaß der Zerstörung blieb zunächst unklar.
Ukrainische Einheiten haben nach eigenen Angaben unterdessen russische Treibstoffzüge weit hinter der Front attackiert. Die 20. Brigade teilte mit, der Angriff sei mit Drohnen erfolgt und richte sich gegen die Treibstoffversorgung der russischen Truppen. «Während der Feind friedliche Ukrainer terrorisiert und zivile Tankstellen in Städten an der Front zerstört, sorgen wir dafür, dass die Besatzer überhaupt keinen Treibstoff mehr bekommen», hieß es in einer Erklärung der Brigade. Nach russischen Angriffen auf die ukrainische Zivilinfrastruktur hat auch die Ukraine Energieanlagen und Transportwege in Russland ins Visier genommen. In Russland gibt es bereits lange Schlangen vor Tankstellen.
Unabhängig davon warnte Russlands wichtigste Getreidelobby vor einem Stopp der Getreideexporte über das Schwarze Meer. Der Verband der Getreideexporteure begründete dies mit ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Schiffe und Häfen. Die Angriffe könnten bald zu einer «vollständigen Blockade der Exportkorridore» führen. Das könnte einen Ausfall von 30 bis 35 Millionen Tonnen russischen Weizens bedeuten – etwa 15 Prozent des weltweiten Weizenhandels. Die Störung der Schifffahrt sei eine direkte Bedrohung für die globale Ernährungssicherheit und könne zu Hungersnöten in Afrika und im Nahen Osten führen.
Aus Washington kam derweil eine verhaltene Reaktion auf ukrainische Forderungen nach einer Produktion von Patriot-Flugabwehrraketen. Präsident Donald Trump sagte bei einer Kabinettssitzung in Camp David, eine Zustimmung zu einer Lizenz für die Ukraine liege noch nicht vor; die Gespräche dauerten an. Man müsse sehr vorsichtig sein, wem man eine solche Technologie überlasse. «Ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird, aber wissen Sie, es gibt Leute, denen man diese Technologie gibt, und die sich eines Tages gegen einen wenden könnten», erklärte er. Trump hatte Selenskyj erst in diesem Monat bei einem Treffen in der Türkei eine solche Lizenz in Aussicht gestellt, ist davon aber inzwischen abgerückt. In dieser Woche empfing er den ukrainischen Präsidenten dennoch im Weißen Haus.
Die Ukraine bemüht sich seit Langem um eine gemeinsame Produktion der modernsten Patriot-Raketen vom Typ PAC-3. Wegen der russischen Luftangriffe sind die Bestände nach ukrainischer Darstellung gering. Die Raketen gelten im ukrainischen Arsenal als die einzigen Waffen, mit denen ballistische Raketen zuverlässig abgefangen werden können. Präsident Wolodymyr Selenskyj dringt außerdem auf die Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern.
Aus Moskau wurde zudem bekannt, dass die russische Justiz einen Haftbefehl gegen die Tochter des getöteten Kremlkritikers Boris Nemzow erlassen hat. Nähere Angaben lagen zunächst nicht vor.
