Kurz vor dem Nato-Gipfel in der Türkei hat Russland eine weitere schwere Angriffswelle auf ukrainische Städte gestartet. In der Nacht löste die Flugabwehr in fast allen Landesteilen Luftalarm aus, aus der Hauptstadt Kiew wurden heftige Explosionen gemeldet. Nach Angaben von Behörden und Medien wurden mehrere Gebäude beschädigt, mindestens neun Menschen getötet und 46 weitere verletzt. Tausende Bewohner flohen in U-Bahn-Stationen, um Schutz zu suchen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Abend zuvor in einer Videobotschaft vor den Angriffen gewarnt. Er berief sich dabei auf Informationen des ukrainischen Geheimdienstes, wonach Russlands Präsident Wladimir Putin noch vor Beginn des Nato-Gipfels eine weitere Welle schwerer Luftangriffe befehlen dürfte. „Das entspricht ganz Putins Art – unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und vor dem Nato-Gipfel in Ankara“, sagte Selenskyj. Er wolle „noch mehr Unheil anrichten und Menschen töten“.
Nach Angaben ukrainischer Stellen setzten die Angreifer in der Nacht neben zahlreichen Drohnen auch Dutzende Marschflugkörper und Raketen ein. Marschflugkörper können von den Angreifern besser manövriert werden und sind wegen ihrer geringen Flughöhe schwerer vom Radar der Luftabwehr zu erfassen. Ballistische Raketen wiederum sind aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwierig abzuwehren. In Kiew wurden Wohngebäude in mehreren Stadtteilen getroffen. Ein Plattenbau stürzte teilweise ein, in der Mitte des Wohnblocks klaffte ein riesiges Loch, sodass die Rettungskräfte durch das Haus hindurchblicken konnten. Unter den Trümmern wurden verschüttete Menschen vermutet.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen den russischen Angriffskrieg. Die neuerliche Angriffswelle setzt den Ton für das Treffen der Nato-Vertreter, die am Dienstag und Mittwoch in der türkischen Hauptstadt Ankara zusammenkommen. In seiner Videobotschaft appellierte Selenskyj an die Partner der Ukraine, den Abwehrkampf seines Landes entschlossener zu unterstützen. „Jede Verzögerung bei der Lieferung von Raketen für unsere Flugabwehr und für die Patriot-Systeme kostet Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen“, sagte er. Die Welt verfüge durchaus über die notwendige Menge und Qualität an Flugabwehrsystemen. Nötig sei aber, diese der Ukraine auch bereitzustellen.
Selenskyj betonte, dass der politische Wille der USA ausreichen würde, um den Mangel an Patriot-Systemen zu beheben. „Doch bislang fehlt es an einer solchen Unterstützung“, fügte er hinzu. Während die ukrainische Flugabwehr eine relativ hohe Trefferquote gegen russische Drohnen und Marschflugkörper hat, ist sie gegen ballistische Raketen weitgehend machtlos. Die Patriot-Systeme sind für die Ukraine das einzige wirksame Mittel gegen Russlands Raketen. Bereits im Frühjahr beklagte Selenskyj, dass sein Land kaum noch Munition dafür habe. Der US-Krieg gegen den Iran verknappte die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter. Zuletzt brachte Selenskyj die Möglichkeit einer eigenen Patriot-Produktion ins Spiel und verwies darauf, dass auch eine europäische Produktion in der Ukraine denkbar sei.
Beim Gipfel in Ankara wird Selenskyj die Gelegenheit erhalten, seine Bitte um weitere Patriots direkt an US-Präsident Donald Trump zu richten. Die beiden Staatschefs treffen am Mittwoch in Ankara zusammen, um auch über Wege zur Beendigung des Kriegs zu sprechen. Ein hochrangiger US-Beamter sagte vor Journalisten, keine der beiden Kriegsparteien mache nennenswerte militärische Fortschritte. Gleichzeitig entstünden enorme Kosten, und die Angriffe beider Seiten reichten jeweils weit ins andere Land. „Der Präsident verspürt daher ein echtes Gefühl der Dringlichkeit, zu versuchen, das zu einem Ende zu bringen“, sagte der Beamte. Man sei zuversichtlich, Fortschritte erzielen zu können, wenn Trump und Selenskyj zusammenkommen. Der US-Präsident werde sich auch mit Putin in Verbindung setzen.
Sowohl der Kremlchef als auch Selenskyj hatten am Wochenende mit Trump telefoniert und ihm ihre Sichtweise auf den Kriegsverlauf geschildert. Die USA vermitteln schon länger im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Angesichts ihres eigenen militärischen und politischen Dauerkonflikts mit dem Iran rückten die Bemühungen aber zuletzt in den Hintergrund. Bei dem Nato-Gipfel soll die Ukraine auch ein neues Versprechen für milliardenschwere Militärhilfen bekommen. Darauf verständigten sich in Brüssel Vertreter der 32 Bündnisstaaten wenige Tage vor dem Spitzentreffen in abschließenden Beratungen über die geplante Gipfelerklärung.
