Die niederländische Historikerin und Konfliktforscherin Beatrice de Graaf hat in ihrem Buch «Putins zaristischer Traum» die Radikalisierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin untersucht und kommt zu einem klaren Befund: Putin sei nicht wahnsinnig, sondern radikalisiert. Seine größte Angst sei eine liberale Reformwelle, die auf Russland übergreifen und sein autokratisches System gefährden könnte.
De Graaf, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Niels Drost mehr als 11.000 Reden, Vorträge und Ansprachen Putins von Silvester 1999 bis 2024 ausgewertet hat, betont, dass Putins Handeln nicht aus Wahnsinn, sondern aus einem tief verwurzelten ideologischen Rahmen heraus zu verstehen sei. Dieser Rahmen werde durch die sogenannte russische Trias aus Orthodoxie, Autokratie und Nationalismus bestimmt, die im 19. Jahrhundert von Sergei Uwarow, einem Minister unter Zar Nikolaus I., aufgestellt wurde.
Putin beziehe sich in seinen Reden immer wieder auf die Zaren und lasse ihnen Denkmäler und Statuen errichten. Dies tue er nicht ohne Grund, so de Graaf. Während er zu Beginn seiner Präsidentschaft von 1999 bis 2003 noch proeuropäische Zaren wie Peter den Großen, Alexander I. und Katharina die Große zitierte, habe sich seine Rhetorik nach 2003 zunehmend verändert. In dieser Zeit ereigneten sich die Rosenrevolution in Georgien und die Orange Revolution in der Ukraine, die Putin als Bedrohung für sein eigenes System wahrnahm.
«Putin fürchtete nicht nur, dass diese beiden Länder zur Nato oder EU stoßen könnten. Er wollte vor allem nicht, dass diese Reformwelle auch auf sein eigenes Land übergriff», erklärt de Graaf. Dies sei Putins größte Angst: Russen, die liberale Reformen und ein demokratisches Mitspracherecht von ihrem Herrscher fordern, passten nicht in seine Pläne. Putin wolle nicht als Nikolaus II. enden, mit dem einst die Herrschaft der Zaren unterging.
Die Analyse der Reden zeige eindeutige Phasen, in denen Putin sich immer einen Schritt weiter und offensiver zur Geschichte äußerte. De Graaf betont, dass diese Analyse nur eine unter mehreren Möglichkeiten sei, Putins Werdegang zu deuten, aber ein wichtiges Puzzle-Stück, das bisher zu wenig beachtet wurde. Sie warnt davor, Putins Aussagen nicht ernst zu nehmen, da sie auf eine tiefe ideologische Verankerung hinweisen.
Putins Radikalisierung habe sich auch in seiner Außenpolitik gezeigt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte er den USA und der Nato noch seine Unterstützung angeboten und eine spezielle Beziehung zwischen Russland und der Nato für möglich gehalten. Doch nach den Revolutionen in Georgien und der Ukraine habe er sich zunehmend gegen den Westen gewandt und die expansive Politik von Zaren wie Katharina der Großen hervorgehoben.
Die Historikerin unterstreicht, dass Putins Bezug auf die Zaren nicht nur symbolisch sei. Er habe das Bildnis von Nikolaus I. im Korridor seines Arbeitszimmers aufhängen lassen und lasse bestimmten Zaren Denkmäler errichten. Dies zeige, dass Putin die russische Geschichte als Legitimation für seine autokratische Herrschaft nutze. Die Formel von Uwarow – Orthodoxie, Autokratie und Nationalismus – solle darüber hinweghelfen, dass Russland weder ethnisch noch religiös einheitlich sei.
De Graaf betont, dass die westlichen Gesellschaften Putins Radikalisierungsprozess viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Deswegen habe er sie immer wieder mit seinen Handlungen überraschen können. «Aber das hätte nicht sein müssen», so die Historikerin. Sie plädiert dafür, Putins Reden und Handlungen ernster zu nehmen und sie im Kontext seiner zaristischen Ideologie zu verstehen.
Die Forschungsergebnisse von de Graaf und Drost bieten einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des russischen Präsidenten und erklären, warum Putin den Zaren von einst nacheifert. Sie zeigen, dass Putins Traum von einem autokratischen, orthodoxen und nationalistischen Russland nicht nur eine historische Reminiszenz ist, sondern die treibende Kraft hinter seiner Politik im Ukraine-Krieg und gegenüber dem Westen darstellt.
