Noch liegt Ex-General Gadi Eisenkot in den Umfragen vorn. Doch Benjamin Netanjahu bietet noch einmal alles auf, um an der Macht zu bleiben. Am Dienstag wählt Israel, und 7,3 Millionen Menschen entscheiden darüber, ob der Regierungschef weitermachen kann.

Der Amtsinhaber wirkt verändert. Netanjahu wurde am vergangenen Mittwoch 77 Jahre alt. Nach rund drei Jahren Krieg an vielen Fronten und mit der Aussicht, bald nicht mehr Premierminister zu sein, ist ihm die enorme Belastung anzumerken. Reporter, die ihn begleiten, schreiben, es fehle ihm die Leichtigkeit und das aufbrausende Selbstbewusstsein früherer Kampagnen. Ob das mehr als ein Eindruck ist, bleibt offen.

Die Wahl ist im Kern ein Votum über Netanjahu selbst. Er regiert Israel länger als jeder andere Premier und kam trotz mehrerer Wahlniederlagen immer wieder zurück. In Etappen war er insgesamt 19 Jahre im Amt. Seine Koalitionspartner wechselte er, um an der Macht zu bleiben. Seine treuesten Anhänger rufen bei seinen Auftritten «Bibi, König von Israel». Ihn vorzeitig abzuschreiben, wäre deshalb riskant.

Die Frage, um die sich der Wahlkampf dreht, ist zugleich die nach den großen Themen, die das Land beherrschen und tief spalten. Wer trägt die Verantwortung für den Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln genommen wurden? Ist die Zahl von rund 74.000 Toten im Gazastreifen durch die Rache gerechtfertigt? Ist Israel durch die Kriege gegen Hamas, Hisbollah, Huthis, im Libanon und gegen den Iran sicherer geworden? Und ist es gleichgültig, was die Welt über Israel denkt?

Netanjahu trat in unterschiedlichen Rollen auf. Lange galt er als Politiker, der Risiken scheut und vor allem seine Macht sichern will. Nach seiner Wiederwahl am 1. November 2022 sprach er von einem «goldenen Zeitalter», weil Israel das ruhigste und sicherste Jahrzehnt seiner Geschichte erlebe. Er wollte damals den Kreis des Friedens weiterziehen und einen arabisch-israelischen Frieden herstellen. Gemeint waren damit vor allem neue diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan, und man hoffte auf eine Ergänzung um Saudi-Arabien.

Der 7. Oktober 2023 beendete dieses Vorhaben. Aus dem vorsichtigen Politiker wurde ein Premier, der seine Nation rächen wollte und mehrere Kriege gleichzeitig führte. Kritiker beschreiben die Vision eines Israels, das wie ein permanent kriegsbereites Sparta hochgerüstet ist und seinen Nachbarn militärisch überlegen sein soll. Unbestritten ist, dass sich das Land seit dem Terrorangriff verändert hat. Es ist nach rechts gerückt, und das Sicherheitsdenken reicht weit über das nationalkonservative Lager hinaus.

Auch aus Washington gibt es Einfluss. US-Präsident Donald Trump hat sich in den Wahlkampf eingeschaltet und Netanjahu zur Wiederwahl aufgerufen, den er nach Monaten der Entfremdung wieder als Freund betrachtet. Zugleich machte Trump den Premier für das Problem mit dem Iran mitverantwortlich. Inzwischen erwägt er, nach seiner eigenen Wahl am 3. November den Krieg wieder zu verstärken. Die Analyse fasst die Lage so zusammen: Zwei Wahlen, zwei ältere Herren, kriegsbereit und mit dem Rücken zur Wand.

Was geschähe, wenn Netanjahu abgewählt würde? Sein wahrscheinlichster Nachfolger wäre Gadi Eisenkot, 66 Jahre alt. Biografisch bildet er einen Gegenpol zu Netanjahu: Er stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater kam aus Marokko, und er stieg bis zum Stabschef der israelischen Armee auf. Eisenkot gehörte dem Kriegskabinett an, das Netanjahu nach dem 7. Oktober einrichtete. Er kritisierte den Premier öffentlich für die Forderung nach völliger Vernichtung der Hamas, die er für unrealistisch hielt, und trat deshalb zurück.

Anders als Netanjahu würde Eisenkot den Rechtsstaat vermutlich nicht aushöhlen, und er würde als Premier wohl eine Untersuchung der Verantwortung der Regierung für den 7. Oktober einleiten. In anderen politischen Fragen fallen die Unterschiede kaum ins Gewicht. Auch Eisenkot lehnt eine Zweistaatenlösung mit den Palästinensern ab und befürwortet die Besiedlung des Westjordanlands. Er würde wohl nicht so weit gehen wie Netanjahu, der mit den religiösen Hardlinern Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir koalierte. Doch auch Eisenkot gilt als rechts und dürfte bei der Wahl viele Stimmen erhalten.

Die Umfragen sehen Eisenkot zwar leicht vorn. Netanjahu ist aber nach wie vor Premier und weiß seinen Vorteil zu nutzen. Wie stark der Vorsprung am Ende tatsächlich ist und ob er für eine Regierungsbildung reicht, zeigt erst das Ergebnis am Dienstag.

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Theresa Jungmann

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Reporterin

Theresa Jungmann berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.