Die spanische Exklave Ceuta ist binnen Stunden zum Brennpunkt einer massiven Migrationskrise geworden. Zehntausende Menschen erreichten die an der nordafrikanischen Küste gelegene Stadt, während sich Bewohner verbarrikadierten und teils die oft sehr jungen Ankömmlinge attackierten. Die meisten Migranten irrten zunächst orientierungslos durch die Straßen, kehrten wenig später aber nach Marokko zurück. Die Europäische Union berief für Dienstag ein Krisentreffen ein, und in einem offenen Brief forderten 22 EU-Staaten von Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez einen besseren Schutz der EU-Außengrenze.
Im Zentrum der Debatte steht die Frage, ob Marokko den Grenzandrang bewusst zugelassen oder sogar befördert hat. Die spanische Zeitung «El País» schreibt von den «entscheidenden Stunden, in denen Marokko Spanien in Schach hielt». In Spanien herrscht demnach ungewöhnliche Einigkeit darüber, dass die beispiellose Aktion ohne aktives Hinsehen der marokkanischen Behörden kaum möglich gewesen wäre. Die Zeitung spricht von «Billigung oder Mitwirkung» und verweist auf Videos, die die Untätigkeit marokkanischer Sicherheitskräfte belegen sollen. Migranten schilderten spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Auch in Marokko selbst wird die Rolle der Behörden kritisch gesehen. Beobachter merken an, dass ein Vorfall dieses Ausmaßes nur mit Duldung der Sicherheitskräfte möglich sei. König Mohammed VI. regiert das Land autoritär und hat den Sicherheitsapparat sowie die digitale Überwachung massiv ausbauen lassen. Mehrere Migranten berichteten übereinstimmend, sie seien nicht behindert, sondern zur Überquerung der Grenze ermuntert worden.
Die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko sind seit längerem belastet, vor allem wegen der Region Westsahara, auf die das Königreich Anspruch erhebt. Sánchez ist für Rabat trotz enger wirtschaftlicher Verflechtungen zum Ärgernis geworden, nachdem er vergangene Woche die Beziehungen zu Algerien gestärkt hatte. Algerien gilt als Nachbar und größter Rivale Marokkos in der Region. Marokko betrachtet zudem die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla als «besetzte marokkanische Städte».
Zusätzlichen Unmut könnte eine Entscheidung des Justizausschusses des spanischen Parlaments ausgelöst haben. Der Ausschuss stimmte einem Gesetzentwurf zu, der vielen Sahrauis und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern soll. In spanischen Medien wird spekuliert, dass Marokko darin eine Provokation sieht. Angehörige der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario, die weitgehend aus Sahrauis besteht, könnten mit einem EU-Pass schwerer verfolgt oder strafrechtlich belangt werden.
Eine bewusste Lockerung der Grenzkontrollen könnte ein Signal an Madrid sein, einen Beleg dafür gibt es aber nicht. Der Verdacht ist nicht neu: Bereits 2021 warf Spanien Marokko vor, Migration als Druckmittel einzusetzen. Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Polisario in einem Krankenhaus aufgenommen. Kurz darauf gelangten mehr als 8.000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von «Erpressung», Rabat konterte: «Handlungen haben Konsequenzen.»
Eine weitere Vermutung lautet, dass Rabat zeigen wollte, dass seine Rolle als Hüter der Grenzen zu Europa nicht selbstverständlich ist. Marokko erhält für Maßnahmen zur Eindämmung der Migration EU-Gelder in Millionenhöhe. Diskutiert werden zudem Signale der spanischen Migrationspolitik: Die Legalisierung bereits im Land lebender irregulärer Migranten könnte falsche Hoffnungen genährt haben, auch wenn sie nicht für Neuankömmlinge gilt. Ein spanisches Gerichtsurteil, das Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer erschwert, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.
Weitere Spekulationen reichen bis in die internationale Politik. Spanien hat sowohl Israels Vorgehen im Gazastreifen als auch die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich dem Druck von Präsident Donald Trump widersetzt, die Verteidigungsausgaben schneller zu erhöhen. Manche Beobachter vermuten deshalb, Marokko könnte im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt haben, um die linke Regierung in Madrid zu destabilisieren und die Migrationsdebatte in Europa vor wichtigen Wahlen in Deutschland und Frankreich anzuheizen. Ein israelnaher Analyst hatte vor einigen Monaten sogar gefordert, Israel solle Marokko helfen, Ceuta und Melilla «zurückzuerlangen», um Spanien zu «bestrafen». Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels gibt es nicht.
Marokko selbst weist die Vorwürfe zurück. Die Regierung machte am Montag Falschinformationen im Internet für den Ansturm verantwortlich. Ein Urteil des obersten spanischen Gerichtshofs sei dort so interpretiert worden, dass Geflüchtete nicht abgeschoben werden, wenn sie über das Wasser kommen. Wie genau sich die Lage in Ceuta weiterentwickelt, bleibt angesichts der angespannten Beziehungen zwischen Madrid und Rabat offen.
