US-Präsident Donald Trump hat nach eigenen Angaben persönlich bei Fifa-Präsident Gianni Infantino angerufen, um die Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun vor dem WM-Achtelfinale gegen Belgien aufheben zu lassen. Kurz darauf setzte die Fifa die Rote Karte gegen den Spieler aus – ein Vorgang, der seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist. Der Fall hat weit über den Sport hinaus politische und gesellschaftliche Debatten ausgelöst.
Trump bestätigte das Telefonat mit Infantino, den er seit vielen Jahren kennt, und schrieb auf seiner Plattform Truth Social: «Vielen Dank an die Fifa, dass sie das Richtige getan und ein großes Unrecht wiedergutgemacht hat.» Die zeitliche Nähe zwischen dem Anruf und der Entscheidung des Fifa-Disziplinarausschusses lässt weltweit den Eindruck entstehen, dass politische Macht sportliche Regeln beugen kann. Infantino betont zwar die Unabhängigkeit des Gremiums, doch der Vorgang wirft grundlegende Fragen zur Integrität des Wettbewerbs auf.
In den Vereinigten Staaten trifft der Vorgang einen empfindlichen Nerv. Kaum eine Nation investiert so viel in Spitzensport wie die USA – vom Schulsport über milliardenschwere College-Ligen bis zum olympischen Fördersystem. Sportliche Leistung ist ein zentraler Bestandteil der nationalen Identität. «You earn it» ist ein geflügeltes Wort, das tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist: Erfolg muss verdient sein. Der Vorwurf des «Cheatings», also des Schummelns, gehört zu den schwersten überhaupt. Ob Doping, Schiedsrichterbestechung oder Spielmanipulation – nichts beschädigt den amerikanischen Sportmythos stärker als der Eindruck, ein Sieg sei nicht auf dem Spielfeld errungen worden.
Zahlreiche Politiker, vornehmlich aus dem demokratischen Spektrum, haben die Einflussnahme scharf kritisiert. Sie sprechen von einer Schande und einer großen Peinlichkeit vor der Weltöffentlichkeit. Die Befürchtung ist, dass ein negatives Bild hängen bleibe – insbesondere, wenn der gesperrte Stürmer Balogun im Spiel gegen Belgien ein oder mehrere Tore schießen sollte. Viele Experten hielten Baloguns Platzverweis zwar für überzogen, doch anstatt die Regeln unabhängiger Instanzen zu achten, hat das Weiße Haus laut Medienberichten ein Heer von Anwälten mobilisiert, um in der Angelegenheit zu intervenieren. Hinter diesem Vorgehen stehen demnach Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, der Sohn des früheren New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani, den Trump als Chef einer Fifa-Taskforce eingesetzt hat.
Die Reaktionen aus Europa fielen besonders scharf aus. Der belgische Verband sprach von einem Angriff auf die Grundprinzipien des Fair Play. Die Uefa nannte die Entscheidung in einer deutlichen Stellungnahme «unverständlich» und «nicht zu rechtfertigen». Auch Norwegens Nationaltrainer Ståle Solbakken sagte, diese Entscheidung der Fifa sei «schlecht, schlecht, schlecht». Sollte die US-Mannschaft gewinnen, werde dieser Makel immer mitschwingen.
Bemerkenswert an diesem Vorgang ist, dass die Sportwelt und damit Milliarden Menschen auf der Welt einmal mehr erfahren, wie Trumps Politikverständnis funktioniert. Der Anruf bei Infantino folgt demselben Muster, das sich durch Trumps gesamte politische Karriere zieht: Institutionen werden nicht als neutrale Schiedsrichter verstanden, sondern als Akteure, die sich mit Druck und Erpressung bewegen lassen. Bereits nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2020 hatte Trump versucht, einen Wettbewerb per Telefonat zu beeinflussen – damals forderte er Georgias Wahlleiter Brad Raffensperger auf, ihm die fehlenden Stimmen für den Wahlsieg zu «finden».
Weltweit hat nun eine Debatte um die Integrität des Wettbewerbs begonnen. Die Frage, ob dieser WM noch vertraut werden kann, steht im Raum. Der Fall zeigt, wie politische Macht in den Sport hineinwirken kann und welche Konsequenzen dies für das Vertrauen in sportliche Wettbewerbe hat. Die USA, die sich gerne als Vorbild für Fairness und Leistungsprinzip sehen, stehen nun vor dem Vorwurf, genau diese Prinzipien mit Füßen getreten zu haben.
