Papst Leo XIV. hat zum Auftakt seines viertägigen Frankreich-Besuchs im Élysée-Palast zu einer «neuen Brüderlichkeit» aufgerufen und dabei auch kritische Töne angeschlagen. Das Oberhaupt von weltweit 1,4 Milliarden Katholiken mahnte die Achtung des Lebens in allen Phasen des menschlichen Daseins an – von der Zeugung bis zum Tod. Damit bezog er sich auf das neue französische Sterbehilfegesetz, das die Nationalversammlung im Sommer beschlossen hat, sowie auf das Recht auf Abtreibung, das unter Präsident Emmanuel Macron in der Verfassung verankert wurde.

Im Beisein Macrons betonte der Papst: «Der Schutz des Rechts auf Leben bildet die unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte.» Dazu gehöre, «das Leben bedingungslos anzunehmen». Frankreich hatte in diesem Sommer als erstes Land weltweit ein Recht auf Abtreibung in seine Verfassung aufgenommen. Zudem ist seit diesem Sommer Sterbehilfe für schwer kranke Menschen nach streng festgelegten Regeln erlaubt: Das Gesetz eröffnet unheilbar Kranken bei unerträglichen Leiden die Möglichkeit zum assistierten Suizid. Der Papst ist ein strikter Gegner beider Regelungen.

Macron sagte bei dem Empfang, angesichts des vielen Leids in der Welt verspürten viele seiner Landsleute mit dem Besuch des Papstes Hoffnung. Mit den Worten «Die Suche nach Frieden an allen Fronten ist eine essenzielle Notwendigkeit» stellte er sich hinter die Friedensappelle des katholischen Kirchenoberhaupts. Der Papst hatte Frankreich zuvor als Land der Menschenrechte gewürdigt.

Der seit vergangenem Jahr amtierende Papst aus den USA – mit bürgerlichem Namen Robert Prevost – hält sich bis Montag erstmals in Frankreich auf. Der 71-Jährige hat auch französische Wurzeln: Seine Großmutter stammt aus der Normandie. Mit dem Begriff «neue Brüderlichkeit» spielte er auf den Dreiklang Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aus der Zeit der Revolution von 1789 an, der heute offizieller Leitspruch des Landes ist.

In Frankreich gilt – bis auf einige Regionen im Osten – seit mehr als einem Jahrhundert eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Kirchensteuer wird nicht erhoben, in staatlichen Schulen gibt es keinen Religionsunterricht. In dem 69-Millionen-Einwohner-Land geht die Zahl der Katholiken seit Jahrzehnten zurück; heute bekennt sich weniger als ein Drittel der Bevölkerung zum katholischen Glauben. Durch Einwanderung gibt es hingegen mehr Muslime. Frankreich gilt als «älteste Tochter der Kirche»: Der fränkische König Chlodwig ließ sich bereits im fünften Jahrhundert taufen, zeitweise hatten die Päpste ihren Sitz in Avignon.

Im Élysée-Palast äußerte der Papst seine Sorge, «wie Gesellschaften derzeit in die falsche Richtung abdriften und Gefahr laufen, Wissenschaft und Technik in gewinnorientierte Unternehmungen zu verwandeln, die Gen-Manipulationen, Leihmutterschaft, Organhandel oder das Angebot eines geplanten Todes fördern». Angesichts der Sorgen vor einer Übermacht Künstlicher Intelligenz warnte er vor einem «Paradies der Maschinen».

Nach dem Élysée-Palast besuchte der Papst die UN-Kulturorganisation Unesco mit Sitz in Paris. Dort mahnte er zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Medien. «Ohne Wahrheit unterliegt tatsächlich die Sprache der Logik der Gewalt und der Willkür der Mächtigen», sagte er. «Anstatt das Gesetz zu achten, berufen sich die Machthaber darauf, wenn es ihren Interessen dient, und missachten es, wenn es sie einschränkt.»

Am Abend war ein Vespergottesdienst im Nationalstadion im Vorort Saint-Denis mit 80.000 Teilnehmern geplant. Für eine Messe auf der Place de la Concorde am Samstag haben sich mehr als eine halbe Million Menschen angemeldet. Macron nimmt an den Papstmessen nicht teil. Weitere Stationen der Reise sind der Wallfahrtsort Lourdes im Südwesten, wo sich der Papst mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Geistliche treffen will, sowie die Stadt Metz unweit der deutsch-französischen Grenze. Dort will er eine Europa-Rede halten. Einen Termin für eine Deutschland-Reise gibt es noch nicht, wohl aber mehrere Einladungen.

Wegen des Besuchs gelten hohe Sicherheitsvorkehrungen: 14.000 Beamte sind im Einsatz, bereits am Morgen waren in Paris viele Straßen abgesperrt. Bei der Ankunft des Papstes auf dem Flughafen Orly läuteten im ganzen Land die Kirchenglocken. Am Straßenrand winkten Tausende. Die 33 Jahre alte Élodie sagte dem Sender BFMTV: «Es war ein Traum für mich, eines Tages den Papst zu sehen.»

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Theresa Jungmann

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Reporterin

Theresa Jungmann berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.