Vor 65 Jahren, am 30. Oktober 1961, wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Kaum ein anderer Vertrag hat Deutschland so stark verändert. Damals ahnte kaum jemand, welche Entwicklung daraus entstehen würde.

Die junge Bundesrepublik suchte dringend Arbeitskräfte. Anfang der 1960er Jahre kamen die geburtenschwachen Jahrgänge aus dem Zweiten Weltkrieg auf den Arbeitsmarkt, zudem entzog der Aufbau der Bundeswehr vielen jungen Männern die Arbeitsstelle. Das Abkommen mit der Türkei war nicht das erste dieser Art: Zuvor hatte Deutschland ähnliche Vereinbarungen mit Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Jugoslawien geschlossen. Die angeworbenen Menschen galten allerdings nicht als Zuwanderer, sondern als Gastarbeiter.

Auch auf türkischer Seite erhoffte man sich Vorteile. Die Regierung in Ankara rechnete damit, dass die Arbeitsmigranten Devisen ins Land bringen und in Deutschland zu Facharbeitern ausgebildet würden, die später in der Heimat arbeiten sollten. Haci-Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, verweist jedoch auf Studien, wonach 20 bis 50 Prozent der nach Deutschland kommenden Türkinnen und Türken bereits eine Qualifikation besaßen. Unter ihnen waren nicht nur einfache Bauern und Ungebildete, sondern auch Lehrer, die in Deutschland allerdings meist nicht als Lehrer arbeiteten.

Die Ankunft war oft ernüchternd. Die Reise in Sonderzügen aus Istanbul dauerte anfangs 50 bis 55 Stunden. Viele Reisende hatten sich einen festlichen Empfang vorgestellt, denn Deutschland galt ihnen als Land der klassischen Musik. Das Erste, was sie häufig zu sehen bekamen, war der ehemalige Luftschutzbunker unter Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof, wo die Bundesanstalt für Arbeit eine Weiterleitungsstelle eingerichtet hatte. Untergebracht wurden die Arbeitskräfte von den jeweiligen Unternehmen in Baracken, Fabrikhallen oder Bunkern, die teils mit Stacheldraht umzäunt waren. Das Leben dort war stark reglementiert, von den Aufstehzeiten über gemeinsame Küchen und Waschräume bis zu Besuchszeiten und Nachtruhe.

Mit der Ölkrise stoppte Westdeutschland 1973 die Anwerbung aus dem Ausland. Bald hieß es, die Gäste sollten nun gehen. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl bot 1983 ein Rückkehrhilfegesetz Ausländern mehrere tausend D-Mark, wenn sie das Land verließen. Uslucan berichtet, dass viele Türkinnen und Türken diese Prämie als «Verpiss-dich-Prämie» bezeichneten. Tatsächlich kehrten von 1961 bis 1973 rund eine halbe Million Türkinnen und Türken zurück, etwa eine knappe Million blieb jedoch in der Bundesrepublik. In den 1970er Jahren begannen diese Menschen, ihre Familien nachzuholen. Ein Grund war das im Vergleich zur Türkei weiterhin höhere Lohnniveau. Viele hatten bei Besuchen in der alten Heimat aber auch erlebt, wie fremd ihnen dieser Ort geworden war. «Das Ergebnis war ein eigenartiger Schwebezustand», sagt Uslucan. «Man gehörte nirgendwo richtig dazu.»

Heute zeigt sich die Bedeutung dieser Geschichte in den Zahlen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2025 rund 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in Deutschland, davon 1,5 Millionen selbst eingewandert und 1,2 Millionen hier geboren. Knapp die Hälfte besaß 2025 auch oder ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit. Von den ursprünglichen Gastarbeitern, die zwischen 1961 und 1973 kamen, lebten 2025 noch rund 125.000 in Deutschland. Die meisten Türkinnen und Türken sowie Menschen türkischer Herkunft fühlen sich laut Umfragen in beiden Ländern zu Hause. Uslucan beobachtet jedoch, dass die Bindung an Deutschland seit etwa 2010 zurückgegangen ist, während die Bindung zur Türkei zugenommen hat. Als eine Ursache nennt er den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg der Türkei, die zu einem wichtigen Akteur auf der Weltbühne wurde. Zugleich wurde Deutschland durch die Morde der Neonazi-Zelle NSU erschüttert.

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Sebastian Mertens

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Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.