Private Pflegeanbieter in Deutschland kritisieren den hohen organisatorischen Aufwand, der durch das quartalsweise Einlesen von Versichertenkarten in Arztpraxen entsteht. Der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, Bernd Meurer, sagte der Deutschen Presse-Agentur, jede verfügbare Minute werde gebraucht, um die steigende Zahl Pflegebedürftiger zu versorgen. «Den Irrsinn, Pflegekräfte stundenlang in Arztpraxen warten oder Versichertenkarten herumfahren zu lassen, kann sich Deutschland schlicht nicht mehr leisten», so Meurer.
Hintergrund ist eine bestehende Regelung, wonach viele Pflegebedürftige ihre Versichertenkarte einmal im Quartal in einer Arztpraxis einlesen lassen müssen. Das betrifft insbesondere Menschen, die in einem Heim leben und verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen oder die zu Hause Leistungen der Krankenpflege erhalten. Häufig sind es Beschäftigte von Pflegediensten und Pflegeeinrichtungen, die die Karten in die Praxen bringen und dort auf die Abfertigung warten.
Nach einer Umfrage des Verbands unter 1.016 teilnehmenden Mitgliedsunternehmen entsteht durch das quartalsweise Einlesen der elektronischen Gesundheitskarten im Durchschnitt ein organisatorischer Aufwand von 21,6 Stunden pro Quartal. Auf ein Jahr gerechnet sind das 86,4 Stunden pro Einrichtung. Hochgerechnet auf bundesweit 26.799 ambulante Dienste und vollstationäre Pflegeeinrichtungen ergibt sich nach der Szenariorechnung des Verbands ein Gesamtaufwand von rund 2,3 Millionen Stunden jährlich. Hinzu kommen Wartezeiten in den Praxen von durchschnittlich 26 Minuten je Besuch.
Meurer mahnte: «Es gibt in Deutschland kaum etwas Wertvolleres als die Arbeitszeit von Pflegekräften.» Er forderte, die Digitalisierung müsse ernst genommen werden und die Abläufe wirklich vereinfachen. Konkret schlägt der Verband vor, dass Versicherte, Beschäftigte von Pflegeeinrichtungen oder Angehörige künftig nicht mehr mit einer Karte oder einem Smartphone in den Praxen vorstellig werden müssen. Stattdessen solle per Gesetz geregelt werden, dass Arztpraxen den Versichertenstatus über die geschützte Datenautobahn des Gesundheitswesens, die Telematikinfrastruktur, digital und abrechnungsfähig abrufen können.
Die eingesparte Zeit könnte nach Ansicht des Verbands wieder für die Pflege und pflegenahe Aufgaben genutzt werden. Die Forderung richtet sich an die Politik, die die rechtlichen Voraussetzungen für einen solchen digitalen Abruf schaffen müsste. Bislang ist eine solche Regelung nicht umgesetzt. Der Verband sieht in der Umstellung ein erhebliches Entlastungspotenzial für die ohnehin stark belasteten Pflegekräfte.

