Die spanische Exklave Ceuta erlebt den größten Ansturm von Migranten seit Jahren. Tausende Menschen erreichten innerhalb kurzer Zeit das EU-Gebiet an der nordafrikanischen Küste, viele schwammen vom marokkanischen Ufer aus, andere überwanden die Grenzanlagen. Für mehrere von ihnen endete der Versuch tödlich. Madrid reagiert nun mit einem Militäreinsatz, und auch Brüssel schaltet sich ein, weil eine Außengrenze der Europäischen Union betroffen ist.
Ceuta liegt auf der afrikanischen Seite der Straße von Gibraltar, direkt an der Grenze zu Marokko, gehört aber zu Spanien und damit zur EU. Die Stadt hat rund 85.000 Einwohner und eine Fläche von knapp 20 Quadratkilometern. Zusammen mit Melilla bildet sie seit dem 16. Jahrhundert die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union in Afrika.
Die Grenzanlagen sind massiv gesichert, mit doppeltem Zaun, Überwachungstechnik und Patrouillen. Viele Migranten umschwimmen die Sperranlagen deshalb vom marokkanischen Ufer aus und steuern den Strand von Tarajal an. In der Vergangenheit versuchten Migranten häufig, über den Weg nach Ceuta Asyl in der EU zu beantragen.
Bereits in den Tagen zuvor war die Zahl der Ankünfte gestiegen. Nach Angaben der Regionalbehörden hatten mehr als 1.500 Migranten die Exklave erreicht, die meisten schwimmend. Am Donnerstag eskalierte die Lage. Ein Sprecher der Polizeieinheit Guardia Civil sprach von einer «Explosion»: Hunderte Menschen kamen mit Schwimmreifen übers Meer, andere durchbrachen Tore im Grenzzaun oder kletterten darüber. Der staatliche Sender TVE berichtete von 2.000 bis 3.000 vor allem jungen Menschen allein an diesem Tag. Ein Vertreter der Zentralregierung nannte eine ausdrücklich unbestätigte Schätzung, wonach es deutlich mehr sein könnten. Wie viele es insgesamt waren, blieb unklar.
Mindestens neun Menschen ertranken nach Behördenangaben beim Versuch, die Exklave schwimmend zu erreichen; ein spanischer Regierungssprecher sprach Medienberichten zufolge von mindestens 18 Toten. Die Aufnahmeeinrichtungen in Ceuta sind nach Angaben von Stadtpräsident Juan Jesús Vivas zu mehr als 200 Prozent belegt. Am Donnerstagabend kam es zudem in der zweiten spanischen Exklave Melilla zu einem Ansturm auf den Grenzübergang Beni Enzar; er wurde vorübergehend geschlossen.
Der Ansturm ist der größte Grenzübertritt seit Mai 2021, als binnen zwei Tagen rund 10.000 Menschen nach Ceuta gelangten. Die Krise hat mehrere Dimensionen: innenpolitisch, außenpolitisch und europäisch. Innenpolitisch gerät die linke Regierung von Pedro Sánchez unter Druck. Die Opposition wirft ihr eine zu lasche Grenzpolitik vor und verweist auf die Anfang des Jahres eingeleitete Legalisierung von rund einer halben Million Migranten ohne gültige Papiere. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei PP sprach von einer «nationalen Sicherheitskrise».
Auch außenpolitisch ist die Lage heikel. Spanien ist beim Grenzschutz auf die Zusammenarbeit mit Marokko angewiesen. Nach dem Ansturm von 2021 hatte Madrid dem Nachbarland 30 Millionen Euro für die Grenzsicherung bewilligt. Nun vereinbarte Spanien mit Marokko ein Verfahren für beschleunigte Rückführungen; einen Zeitplan oder konkrete Zahlen gibt es nach Angaben der Regierung bislang nicht.
Die Krise betrifft die gesamte EU, denn in Ceuta verläuft eine europäische Außengrenze. Die EU-Kommission sicherte Spanien Unterstützung zu, auch durch die Grenzschutzagentur Frontex. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner sprach von Solidarität; EVP-Chef Manfred Weber forderte Sánchez auf, schnell zu handeln und die gemeinsamen Außengrenzen zu schützen. Am schärfsten reagierte Italien: Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Außenminister Antonio Tajani verlangten eine Schließung des Schengen-Raums gegenüber Spanien. «Italien wird nicht zusehen», schrieb Meloni. Madrid bestellte daraufhin den italienischen Botschafter ein.
Spanien selbst schickt das Militär nach Ceuta. Bis Freitag sollten unter anderem drei Züge zu je 20 Soldaten, eine Tauchereinheit und ein Militärschiff verlegt und die Spezialeinheiten der Polizei auf 200 Beamte aufgestockt werden. Sánchez und Innenminister Fernando Grande-Marlaska wurden für Freitag in Ceuta erwartet; der Regierungschef wollte sich unter anderem am Strand von Tarajal ein Bild der Lage machen. Stadtpräsident Vivas forderte die Zentralregierung auf, den nationalen Notstand auszurufen.
