Das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag hat den ehemaligen Präsidenten des Kosovo, Hashim Thaci, wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 25 Jahren Haft verurteilt. Der 58-Jährige wurde am Mittwoch unter anderem wegen Mordes, Folter und unrechtmäßiger Inhaftierung schuldig gesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Thaci in 96 Fällen für politische Morde verantwortlich war. Zudem wurden ihm Verfolgung und die willkürliche Inhaftierung von Unschuldigen zur Last gelegt.

Thaci war während des Kosovo-Kriegs in den Jahren 1998 und 1999 Oberbefehlshaber der Kosovo-Befreiungsarmee UCK. Die UCK kämpfte für die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien beziehungsweise Jugoslawien. Die Anklage hatte für Thaci und drei Mitangeklagte, ebenfalls frühere UCK-Kommandeure, 45 Jahre Haft gefordert. Alle Angeklagten hatten auf nicht schuldig plädiert. Thaci selbst bezeichnete sich vor dem Urteil als «vollständig unschuldig». Der Vorsitzende Richter Charles Smith verlas die Entscheidung am Mittwoch; Thaci nahm sie äußerlich ungerührt entgegen.

Der Prozess dauerte drei Jahre. Knapp 300 Zeugen sagten aus, 155 Opfer waren an dem Verfahren beteiligt. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert. Thaci kann gegen das Urteil Berufung einlegen. Der Anklage zufolge gehörten Thaci und die drei Mitangeklagten der Führungsriege der kosovo-albanischen Befreiungsarmee KLA an, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben soll. Alle vier Angeklagten hatten führende Positionen in der KLA und nach dem Krieg hohe politische Ämter inne.

Hashim Thaci war zwischen 2008 und 2020 Ministerpräsident, Außenminister und Präsident des Kosovo. Er war von seinem Amt zurückgetreten, um sich dem Gericht in Den Haag zu stellen. Das Sondertribunal wurde 2015 auf internationalen Druck eingerichtet. Es gehört zum Justizsystem des Kosovo, ist aber mit internationalen Richtern und Anklägern besetzt. Aus Sicherheitsgründen wurde es nach Den Haag verlegt.

Im Kosovo, wo viele die UCK-Kämpfer bis heute als Helden verehren, wurden auf öffentlichen Plätzen Leinwände aufgestellt, auf denen tausende Menschen die Urteilsverkündung im Livestream mitverfolgten. Die Reaktionen auf das Urteil dürften in der Bevölkerung des jungen Staates, der seine Unabhängigkeit maßgeblich dem bewaffneten Kampf der UCK verdankt, für Diskussionen sorgen. Das Gericht hat mit dem Schuldspruch ein deutliches Zeichen gesetzt, dass auch Befreiungskämpfer für begangene Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden.

Niklas Gerhardt

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Politischer Korrespondent

Niklas Gerhardt berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.