Die Ukraine hat nach eigenen Angaben einen massiven russischen Raketenangriff auf die Stadt Wyschnewe westlich von Kiew gemeldet, bei dem ein Munitionslager explodierte. Nach Behördenangaben kamen neun Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt. Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte in seiner abendlichen Videobotschaft an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es sei eindeutig verboten gewesen, Depots in Wohngebieten anzulegen, doch diese Vorschriften seien missachtet worden, kritisierte er. Gegen die Leiter zweier Staatsbetriebe sowie weitere Manager werde nun ermittelt.

Der Angriff ereignete sich in der Nacht zum 6. Juli, als das russische Militär eine koordinierte Attacke mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern auf die Ukraine startete. In Wyschnewe führte der Einschlag zu einer verheerenden Kettenreaktion: Die Explosionen der Munitionslager waren noch in weitem Umkreis zu hören. Wegen der anhaltenden Explosionsgefahr mussten die Behörden Hunderte Anwohner evakuieren. Die Einsatzkräfte kämpften tagelang gegen die Flammen. Selenskyj betonte, es gebe in der Ukraine ausreichend Plätze, um solche Depots in sicherer Entfernung von Wohnhäusern zu errichten.

Parallel zu den Ereignissen in Wyschnewe weitete die Ukraine ihre Angriffe auf russische Schiffe im Asowschen Meer aus. Der Generalstab in Kiew teilte mit, in der Nacht seien 21 russische Öltanker mit Drohnen attackiert worden. Zudem seien vier Schlepper, zwei Trockenfrachter und ein Schwimmbagger getroffen worden. Das Ausmaß der Schäden werde noch geprüft. Es wäre die zahlenmäßig größte Attacke einer seit Tagen laufenden Angriffswelle. Kiew zielt nach eigenen Angaben darauf ab, die Treibstoffversorgung der im Süden und Osten der Ukraine stationierten russischen Truppen zu unterbinden und den lukrativen russischen Ölexport zu stören.

Russland machte zunächst geringere Angaben zu den Angriffen auf See. Der Gouverneur der Region Rostow, Juri Sljussar, schrieb auf Telegram, in der Nacht seien vier Schiffe attackiert worden. Ein Matrose auf einem technischen Schiff sei getötet worden. Die Schäden an Bord seien gering, und es bestehe keine Gefahr, dass die Fracht auslaufe. Ein Tanker habe hochentzündliches Methanol geladen. Die durch ukrainische Drohnen am Freitag verursachten Brände in zwei Treibstofflagern in der Region Rostow seien inzwischen gelöscht, teilte Sljussar am Samstag mit.

Die ukrainische Hauptstadt Kiew geriet in der Nacht erneut unter Raketenbeschuss. Bürgermeister Vitali Klitschko und Militärgouverneur Tymur Tkatschenko riefen die Bevölkerung auf, Schutzräume aufzusuchen. Ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete von mehreren Angriffswellen. Mindestens zehn Menschen wurden verletzt, darunter ein Kind. In mehreren Bezirken brach Feuer aus. Im Osten der Stadt entstanden Schäden, im Westen brannte ein Bürogebäude. Ein unbewohntes Gebäude wurde ebenfalls beschädigt.

Indes kündigte Selenskyj eine Reform der Sturmtruppen an, nachdem ein Skandal um Todesfälle in einer Militäreinheit bekannt geworden war. Beim Sturmregiment „Skelja“ waren innerhalb von sechs Monaten mehr als zwei Dutzend Rekruten in ihrer militärischen Grundausbildung ums Leben gekommen. Medienberichten zufolge sollen sie verprügelt, erniedrigt und misshandelt worden sein. Der Präsident kündigte strafrechtliche Ermittlungen und personelle Konsequenzen an der Spitze der Sturmtruppen an. Solche Praktiken seien auch in anderen Einheiten verbreitet, insbesondere bei Zwangsrekrutierten.

Russland hat Insidern zufolge vorübergehend den Schiffsverkehr durch den Don-Asow-Kanal gestoppt. Die Maßnahme sei eine Reaktion auf die ukrainischen Angriffe auf Tanker im Asowschen Meer, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei Quellen der Getreideexportbranche. Die Sperrung könnte fast ein Viertel der russischen Weizenexporte betreffen. Wie lange sie andauern soll, ist unklar.