England hat sich mit viel Mühe und einem späten Doppelpack von Kapitän Harry Kane ins Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gerettet. Der Mitfavorit gewann am Sonntag in einem packenden Spiel gegen die Demokratische Republik Kongo mit 2:1 (0:1) und trifft nun auf Co-Gastgeber Mexiko. Vor 68.239 Zuschauern im Stadion von Guadalajara drohte das Team von Trainer Thomas Tuchel lange Zeit eine historische Blamage, ehe Kane die Partie in der Schlussphase drehte.
Die Demokratische Republik Kongo erwischte einen Traumstart. Bereits in der siebten Minute brachte Brian Cipenga die Afrikaner in Führung. Der Flügelstürmer zog nach einer Flanke aus dem rechten Halbfeld in den Strafraum und drosch den Ball überraschend in die kurze Ecke. Englands Torhüter Jordan Pickford hatte offenbar mit einem Querpass gerechnet und musste sich den Gegentreffer weitgehend selbst ankreiden. Es war der erste WM-Treffer für Cipenga, der vor gut einem Jahr von Kongos Trainer Sébastien Desabre erstmals nominiert worden war – damals noch mit Unverständnis in der Heimat quittiert. Der Dribbler aus der zweiten spanischen Liga hatte im entscheidenden Playoff-Spiel gegen Jamaika die Vorlage zum einzigen Tor gegeben und damit die erste WM-Teilnahme des Landes seit 52 Jahren ermöglicht.
England brauchte nach dem frühen Schock bis zur ersten Trinkpause, um zu klaren Chancen zu kommen. Jude Bellingham scheiterte aus kurzer Distanz am glänzend reagierenden kongolesischen Torhüter Lionel Mpasi (30.), Marcus Rashfords Versuch klärte der in England geborene Aaron Wan-Bissaka auf der Linie (35.). Auf der anderen Seite traf Yoane Wissa nur den Pfosten. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit vergaben Bellingham (45.+2) und Kane (45.+6) weitere Großchancen. Besonders umstritten war eine Szene in der 45. Minute, als Kane nach einem Kontakt mit Mpasi im Strafraum zu Boden ging. Der jordanische Schiedsrichter Adham Makhadmeh verweigerte einen Elfmeter, auch der Videobeweis änderte die Entscheidung nicht. Der frühere Liverpool-Trainer Jürgen Klopp analysierte bei MagentaTV: „Kontakt ist auf jeden Fall da, das steht völlig außer Frage. Der Schiri hat angezeigt, er wäre gesprungen, das kann ich auch aus der Schiedsrichterperspektive nachvollziehen.“ Englands Sturmlegende Alan Shearer befand: „Für mich ist das ein Elfmeter.“
Nach der Pause erhöhte England den Druck. Rashford traf zunächst das Außennetz (52.), dann wehrte Mpasi einen abgefälschten Schuss glänzend ab (53.). Tuchel reagierte, tauschte die Flügel aus und brachte Bukayo Saka sowie Anthony Gordon. In der Trinkpause gestikulierte der Schwabe ununterbrochen und redete emotional auf seine Spieler ein. Die englischen Fans wurden zunehmend unruhig, Buhrufe häuften sich nach Fehlpässen. In der Crunchtime war England dann aber da. Eine Flanke von Gordon köpfte Kane in der 75. Minute problemlos ins lange Eck. Etwas mehr als zehn Minuten später verwandelte der Torjäger aus der Drehung überragend ins rechte obere Eck und ließ sein Team jubeln. „Es war ein verrücktes Spiel. Der Torwart hat einige unglaubliche Bälle gehalten. Aber man muss einfach immer weiter machen und auf seine Momente warten“, sagte Kane nach den Feierlichkeiten mit den Fans. „Man muss geduldig bleiben. Hier in der K.-o.-Phase muss man einfach durchhalten. Aber wir sollten das jetzt auch genießen. Hoffentlich können wir so weiter machen.“
Tuchel hatte vor dem Spiel eindringlich vor dem Gegner gewarnt, der seine Ziele mit dem Weiterkommen bereits übererfüllt hatte. Der 52-Jährige betonte, dass dadurch in der Mannschaft ein tiefer Glaube entstehe. Ob er einen so frühen Rückstand auf dem Zettel hatte, ist nicht überliefert. Mit dem Sieg bleibt England im Turnier und trifft nun auf Co-Gastgeber Mexiko, das sich ebenfalls für das Achtelfinale qualifiziert hat. Die Three Lions gelten weiterhin als einer der Favoriten auf den Titel, müssen ihre Leistung aber deutlich steigern, um gegen stärkere Gegner zu bestehen. Die Demokratische Republik Kongo verabschiedet sich nach einer starken Leistung aus dem Turnier, kann aber stolz auf die Rückkehr auf die Weltbühne nach 52 Jahren sein.
