Die deutsche Wahrnehmung Russlands steht in einem auffälligen Widerspruch zur Realität. Obwohl das Regime von Wladimir Putin spätestens seit der Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022 als aggressiv und autoritär gilt, blicken erstaunlich viele Menschen in Deutschland weiterhin positiv auf das Land. Die Politologin und Osteuropa-Expertin Gwendolyn Sasse hat dieses Phänomen untersucht und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.
In ihrem Buch «Russland. Eine deutsche Erfindung» analysiert Sasse, warum sich die deutschen Russlandbilder so hartnäckig halten. Der provokante Titel sei bewusst gewählt, erklärt sie. In der außenpolitischen Realität sei Russland eine revanchistische Macht, innenpolitisch ein repressives Regime. Die Wahrnehmung aus der Ferne und die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort stünden jedoch in einem Spannungsverhältnis. Wenn Deutsche über Russland sprächen, sprächen sie in erster Linie über sich selbst, so die Forscherin.
Für ihre Untersuchung hat Sasse den Blick «von unten» gewählt, aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Als Quellen dienten ihr deutschlandweite repräsentative Umfragen sowie Interviews und Fokusgruppen. Dabei identifizierte sie drei Denkräume, in denen sich die Vorstellungen über Russland bewegen: «Russland als Faszination und Alternative», «Russland als Partner und Freund» sowie «Russland als Risiko und Feind». Dieses Konzept ermögliche es, langfristige Linien im Denken der Deutschen nachzuvollziehen und zugleich Veränderungen zwischen diesen Räumen zu erfassen.
Besonders aufschlussreich war für Sasse die Verbindung zwischen Russlandbildern und Parteiaffinität. Es sei schwer gewesen, von den Aussagen der Befragten auf ihre politische Orientierung zu schließen, mit einer Ausnahme: der AfD. Dort seien die Aussagen meist sehr klar. Russland werde als Partner beschrieben, als «natürlich» und «authentisch», dort würden «Werte» noch zählen – im Gegensatz zum eigenen System. Der entsprechende Denkraum sei eindeutig zuzuordnen.
Vor allem in der Vorstellung von Russland als Alternative spielt der Faktor Faszination eine bedeutende Rolle. Die «russische Seele», die «russische Weite» und das angeblich «Natürliche» dienten als Gegenmodell zur westlichen Zivilisation. Dieses Gegenmodell werde seit Jahrhunderten aufgebaut und ziehe sich durch die Geschichte. Um die deutschen Russlandprojektionen zu verstehen, müsse man gar nicht weit zurückgehen, betont Sasse.
Ein prägendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist für sie Michail Gorbatschow. Das Bild des früheren sowjetischen Staatschefs wirke bis heute stark nach. Als sie ihr Projekt 2019 begann, habe sie das Stichwort Gorbatschow in den Fokusgruppen gar nicht vorgeben müssen. Es sei schnell von selbst gefallen, wenn nach Russlandassoziationen gefragt wurde. Dabei ging es den Teilnehmenden um eine immer wieder als «Öffnung» beschriebene Veränderung, um die Wiedervereinigung und das Ende von Berliner Mauer und Eisernem Vorhang.
Die russische Vollinvasion der Ukraine vom 24. Februar 2022 bezeichnet Sasse als sicherheitspolitischen Paukenschlag. Doch dieser habe nicht die gesamte deutsche Bevölkerung erreicht. Die Bilanz sei verstörend, aber zutreffend: Ein Ereignis dieser Dimension könne, aber müsse nicht zu einer kritischen Selbstreflexion über falsche Annahmen und folgenreiche Fehlentscheidungen führen – weder in der Politik noch in der Gesellschaft. Die Scheuklappen in Bezug auf Russland und Putin blieben entweder bestehen oder würden nur graduell angepasst.
Sasse sieht in den verbreiteten Russlandbildern eine real existierende Gefahr. Russland biete sich hier Angriffsflächen, etwa im Bereich der Desinformation und der Unterstützung für populistische und radikale Parteien von rechter und linker Seite. Die Demokratie in Deutschland sei direkt betroffen. Deshalb sei die Erforschung Russlands als deutsche Erfindung umso dringender. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine habe Hunderttausenden Menschen das Leben gekostet und Millionen zu Vertriebenen gemacht – und dennoch habe sich der deutsche Blick auf Russland nur in Ansätzen verändert.
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