Der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat die Stichwahl in Brasilien gewonnen und sich damit eine weitere Amtszeit gesichert. Nach Auszählung fast aller Stimmen lag der 80-Jährige laut dem Obersten Wahlgericht mit 51,74 Prozent zu 48,26 Prozent uneinholbar vorn. Sein Gegenkandidat Flávio Bolsonaro akzeptiert das Ergebnis nicht und will die Stichwahl annullieren lassen.
Bolsonaro begründete seinen Schritt mit einer landesweiten Verlängerung der Öffnungszeit der Wahllokale um zwei Stunden. «Was heute geschehen ist, war nicht normal. Es war inakzeptabel», sagte er vor Journalisten. Er könne das Ergebnis unmöglich anerkennen. Die Verlängerung war auf einen Antrag von Lulas Wahlkampagne zurückgegangen, die auf Probleme im öffentlichen Nahverkehr und mögliche Folgen für die Wählerinnen und Wähler verwiesen hatte. Der Richter Cristiano Zanin vom Obersten Gerichtshof genehmigte die Ausweitung bis 19 Uhr Ortszeit. Zanin war früher als Anwalt für Lula tätig, was Bolsonaro kritisierte. Er sah die Chancengleichheit zwischen den Bundesstaaten verletzt. Seine eigene Kampagne hatte ebenfalls eine Verlängerung beantragt, allerdings nur für Gemeinden in den Bundesstaaten Minas Gerais, Rio Grande do Sul, Paraná, São Paulo und Santa Catarina, unter Verweis auf starke Regenfälle, Überschwemmungen und Stromausfälle.
Mit dem Sieg verhinderte Lula, dass das bevölkerungsreichste und wirtschaftsstärkste Land Lateinamerikas stärker nach rechts rückt. Flávio Bolsonaro hatte im Wahlkampf eine engere Zusammenarbeit mit Washington unter US-Präsident Donald Trump in Aussicht gestellt. Rund 159 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen. Unter Lulas Regierung sank die Arbeitslosigkeit auf einen historischen Tiefstand, die Armut ging zurück und der Mindestlohn stieg. Das Parlament beschloss zudem eine schrittweise Einführung der Fünf-Tage-Woche mit zwei freien Tagen. Auch die Entwaldung im Amazonasgebiet ging zurück.
Zugleich war der Unmut über gestiegene Lebenshaltungskosten groß. Die hohe Staatsverschuldung, Lulas ausgabenfreudige Politik und ein Skandal um mutmaßlichen Betrug bei der Rentenversicherung belasteten die Regierung. Viele Wähler ließen sich deshalb nicht allein durch seine Bilanz überzeugen, etliche wünschten sich eine Rückkehr der Bolsonaro-Familie an die Macht. In der ersten Wahlrunde hatte Lula mit 45 Prozent noch zwei Punkte hinter Flávio Bolsonaro gelegen. Erstmals seit der Wiedereinführung direkter Präsidentschaftswahlen 1989 gelang einem zunächst zurückliegenden Kandidaten damit die Wende in der Stichwahl.
Lula wird künftig noch stärker Mehrheiten mit anderen Parteien organisieren müssen. Wichtig ist dabei das sogenannte Centrão, ein Bündnis überwiegend konservativer und zentristischer Parteien, das vor allem durch politische und regionale Interessen zusammengehalten wird. Die öffentliche Sicherheit gehörte zu den zentralen Themen des Wahlkampfs, da kriminelle Organisationen in Teilen des Landes erheblichen Einfluss haben. Lula kündigte an, ein Ministerium für öffentliche Sicherheit einzurichten. Flávio Bolsonaro warb mit einer harten Sicherheitspolitik und dem Bau von Hochsicherheitsgefängnissen nach dem Vorbild El Salvadors.
Der Wahlkampf war auch persönlich geprägt. Flávio Bolsonaro sagte in einem TV-Duell mit Blick auf Lulas Alter, Brasilien werde ihn endlich in Rente schicken. Lula warf seinem Herausforderer vor, das harte Leben der Arbeiterklasse allenfalls aus der Literatur zu kennen. Beide Seiten erhoben Korruptionsvorwürfe. Lulas Kampagne warf zudem dem Konzern Meta vor, ihre Inhalte in den sozialen Medien zu benachteiligen, was der Konzern zurückwies.
Am Wahltag wechselte die Führung im Verlauf der Auszählung mehrfach. Flávio Bolsonaro konnte einen zwischenzeitlichen Rückstand aufholen, fiel dann aber wieder hinter Lula zurück. Im Süden der Millionenmetropole Rio de Janeiro waren bei beiden Wendungen laute Jubelrufe, Musik und Feuerwerk zu hören, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete.
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