Der politische Streit zwischen Deutschland und Russland bekommt für viele Menschen in Südwestdeutschland eine sehr konkrete Folge: Das russische Generalkonsulat in Bonn soll am 18. September schließen. Sein Konsularbezirk umfasste neben Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland auch Bayern und Baden-Württemberg. Wer bislang für russische Pass-, Visa- oder andere Konsularangelegenheiten nach Bonn fuhr, muss sich künftig an die russische Botschaft in Berlin wenden. Damit erreicht die außenpolitische Eskalation auch den Alltag im Südwesten.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow reagierte am Sonntag mit ungewöhnlich scharfer Sprache. Die deutschen Vorwürfe und Maßnahmen seien „im Großen und Ganzen der Beginn eines echten Krieges“, sagte er in einem Interview. Er erwähnte ausdrücklich die Schließung des Bonner Konsulats und das Vorgehen gegen das Russische Haus in Berlin. Außerdem verglich er die Lage mit diplomatischen Schließungen vor dem Zweiten Weltkrieg und erklärte, Deutschland wolle „wieder Krieg“.
Eine formelle Kriegserklärung ist das nicht. Russland und Deutschland befinden sich rechtlich nicht im Krieg. Die Bundesregierung betont ihrerseits ausdrücklich, Deutschland sei nicht im Krieg, werde aber täglich mit hybrider Kriegsführung konfrontiert. Berlin ordnet darunter Sabotage, Spionage, Cyberangriffe und andere verdeckte Operationen ein, die unterhalb der Schwelle eines konventionellen militärischen Angriffs bleiben. Lawrows Wortwahl verschärft deshalb vor allem die politische und propagandistische Ebene des Konflikts.
Hinter den neuen deutschen Maßnahmen steht ein Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle vom 4. August. Nach Angaben der Bundesregierung sollte dort eine mit Sprengstoff ausgerüstete Drohne in der Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs eingesetzt werden. Berlin macht Russland dafür verantwortlich. Moskau bestreitet die Vorwürfe. Die deutschen Behörden veröffentlichen nicht alle Ermittlungsergebnisse und verweisen darauf, dass Angaben zu Verdächtigen, Reisewegen, Videomaterial oder DNA-Spuren ein laufendes Verfahren gefährden könnten.
Neben dem Bonner Konsulat hat Berlin auch die Vereinbarung für das Russische Haus gekündigt. Die Bundesregierung will Einreisekontrollen verschärfen, weitere Sanktionen auf EU-Ebene anstoßen und stärker gegen die russische Schattenflotte vorgehen. Gleichzeitig soll die Unterstützung der Ukraine fortgesetzt werden. Moskau reagierte mit der angekündigten Schließung der Goethe-Institute in drei russischen Städten, erklärte aber zugleich, diplomatische Beziehungen zu Deutschland grundsätzlich erhalten zu wollen.
Für Baden-Württemberg ist damit vorerst nicht ein militärischer, sondern ein konsularischer und politischer Einschnitt spürbar. Die langen Wege nach Berlin können Familien, Doppelstaatsbürger, Unternehmen und Reisende treffen, die russische Dokumente benötigen. Zugleich liegt die Region nahe an der Schweiz und ist eng in europäische Verkehrs- und Wirtschaftsnetze eingebunden. Wie dauerhaft die Einschränkungen werden, hängt von den weiteren Ermittlungen in Leipzig, möglichen neuen Sanktionen und der Frage ab, ob Berlin und Moskau trotz der schärferen Sprache funktionierende diplomatische Kanäle bewahren.

