Deutschlands Innenstädte stehen vor einem tiefgreifenden Wandel. Der Architekt Gustav Düsing entwirft im Zukunftsmagazin der Frankfurter Allgemeinen Quarterly ein Bild davon, wie sich die Zentren bis 2035 verändern könnten, um als lebendige Orte zu überleben. Seine zentrale These: Nicht der Abriss, sondern die kluge Umnutzung bestehender Räume wird über die Zukunft der Städte entscheiden.

Düsing gehört zu den klugen Köpfen, die das Magazin in ganz Deutschland gefragt hat, wie das Land in zehn Jahren aussehen soll. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Die Rettung der Innenstädte liegt in neuen Raumkonzepten. Statt immer neuer Bauflächen am Stadtrand brauche es eine Rückbesinnung auf das, was bereits vorhanden ist. Leerstehende Bürogebäude, aufgegebene Einzelhandelsflächen und ungenutzte öffentliche Bauten böten ein enormes Potenzial, das bislang viel zu selten ausgeschöpft werde.

Der Architekt plädiert dafür, Räume flexibler zu denken. Wohnen, Arbeiten, Kultur und Begegnung müssten sich stärker durchmischen, statt räumlich getrennt zu bleiben. Gerade in den Zentren könne so neues Leben entstehen, ohne dass zusätzliche Flächen versiegelt werden. Die Innenstadt der Zukunft ist für Düsing kein reiner Konsumort, sondern ein Ort des Austauschs und der Nachbarschaft.

Die Debatte um die Zukunft der Innenstädte hat in vielen deutschen Kommunen längst begonnen. Fußgängerzonen, die unter sinkender Frequenz leiden, und Geschäfte, die schließen, sind sichtbare Zeichen eines Strukturwandels, der durch den Onlinehandel und veränderte Konsumgewohnheiten ausgelöst wurde. Hinzu kommt der Druck, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig den Flächenverbrauch zu reduzieren. Düsings Ansatz setzt genau hier an: Er will die bestehende Bausubstanz als Ressource begreifen.

Das Zukunftsmagazin Frankfurter Allgemeine Quarterly befragt regelmäßig Expertinnen und Experten aus Architektur, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft nach ihren Visionen für das Deutschland der kommenden Dekade. Die Reihe trägt den Titel «Deutschland in zehn Jahren» und versammelt Stimmen aus dem ganzen Land. Düsing ist einer von ihnen. Seine Perspektive richtet sich auf die gebaute Umwelt und die Frage, wie sich Städte an neue Bedürfnisse anpassen können, ohne ihre Identität zu verlieren.

Für die Region Südbaden und die Gemeinden im Landkreis Waldshut sind solche Überlegungen ebenfalls relevant. Auch kleinere Städte kämpfen mit Leerständen in den Ortskernen und der Frage, wie sie ihre Zentren attraktiv halten können. Die Idee, vorhandene Räume umzunutzen und unterschiedliche Nutzungen zu kombinieren, lässt sich auf größere Städte ebenso übertragen wie auf kleinere Kommunen. Entscheidend ist nach Düsings Überzeugung der Wille, Räume neu zu denken, statt an alten Strukturen festzuhalten.

Ob sich die Vision des Architekten durchsetzt, hängt nicht zuletzt von politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Bauordnungen, Eigentumsverhältnisse und Förderprogramme bestimmen, wie schnell aus leerstehenden Büros Wohnungen oder aus ungenutzten Hallen Kulturorte werden können. Düsing liefert mit seinen Überlegungen einen Beitrag zu einer Debatte, die in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen dürfte. Die Innenstadt der Zukunft, so seine Botschaft, entsteht nicht auf der grünen Wiese, sondern mitten in dem, was schon da ist.

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Sebastian Mertens

Autor

Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.