Netflix bleibt die klare Nummer eins beim Videostreaming, doch das Wachstum des Marktführers hat deutlich an Tempo verloren. Im vergangenen Quartal legte der Umsatz im Jahresvergleich um zwölf Prozent auf 12,9 Milliarden Dollar zu. Das war der niedrigste Zuwachs seit drei Jahren, wie das Unternehmen bei der Vorlage seiner Quartalszahlen mitteilte. Die Aktie gab im nachbörslichen Handel um mehr als fünf Prozent nach und notiert mittlerweile mehr als 40 Prozent schwächer als vor einem Jahr.
Unter dem Strich konnte Netflix den Gewinn um rund 44 Prozent auf 3,66 Milliarden Dollar steigern. Die Erlösentwicklung entsprach den Erwartungen der Analysten, dennoch wächst das Geschäft nach Einschätzung von Co-Chef Ted Sarandos nicht so schnell wie erhofft. «Wir wollen der Unterhaltungs-Dienst sein, den man haben muss», sagte Sarandos in einer Videokonferenz mit Analysten. Sein Kollege Greg Peters ergänzte: «Wir wissen, dass wir es besser können.»
Die Gründe für die Wachstumsdämpfer sind vielfältig. In den vergangenen Monaten mehrten sich Berichte von Marktforschern, wonach die Aktivität der Netflix-Zuschauer abnimmt. Bei der jüngsten Runde von Preisverleihungen gingen Filme und Serien des Streamingdienstes weitgehend leer aus. Auf frühere Hits wie «Stranger Things» oder «Squid Game» folgten bislang keine Titel, die sich ähnlich stark im Zeitgeist etablieren konnten.
Auf die schwächere Entwicklung hat Netflix bereits mit einem tiefen Einschnitt reagiert. Vergangene Woche strich das Unternehmen rund sechs Prozent der Arbeitsplätze, etwa 1.000 Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Die Umwälzungen reichen bis in die Chefetage: Die langjährige Programmverantwortliche Bela Bajaria, die die Vision umsetzen sollte, dass möglichst alle Zielgruppen weltweit etwas für sich bei Netflix finden, musste gehen. Kurz danach traf es auch Filmchef Dan Lin. Bajarias Rolle übernimmt nun Peter Rice, der bei klassischen Studios wie Disney Karriere machte.
Mit der Personalie Rice verbindet sich die Spekulation, Netflix könnte mehr Filme zunächst breit in Kinos bringen. Sarandos hatte entsprechende Überlegungen stets als Ablenkung vom Kerngeschäft zurückgewiesen und bekräftigte nun, dass Netflix zuallererst auf Streaming ausgerichtet sei. «Das ist unser Kern», sagte er. Zugleich will der Konzern einige Filme wie den «Narnia»-Streifen von «Barbie»-Regisseurin Greta Gerwig zunächst für 45 Tage exklusiv in Kinos bringen, so wie es traditionelle Studios tun.
Peters stellte zudem in Aussicht, dass Netflix den in Frankreich erprobten Deal, bei dem das Programm von TF1 über die Streaming-Plattform verfügbar ist, auch mit anderen Partnern eingehen könnte. Damit sucht der Konzern nach neuen Wegen, um das Angebot attraktiver zu machen und die Nutzer stärker zu binden.
Ein weiterer Rückschlag war der verlorene Bieter-Wettstreit um Warner Brothers. Netflix hatte im vergangenen Jahr versucht, mit dem Kauf des Studio- und Streaminggeschäfts für rund 80 Milliarden Dollar zu wachsen. Das hätte das Sortiment um die TV-Bibliothek des Bezahlsenders HBO und fürs Kino gemachte Filme erweitert. Doch der Hollywood-Rivale Paramount setzte sich am Ende mit einem Gebot für den gesamten Konzern Warner Bros. Discovery samt Fernsehsendern wie CNN durch.
Für Netflix geht es nun darum, die Wachstumsdynamik wieder zu beleben. Der Druck ist groß: Die Aktie hat deutlich an Wert verloren, und die Konkurrenz im Streamingmarkt wird nicht kleiner. Ob der Umbau in der Führungsetage und die neuen strategischen Ansätze ausreichen, um die Strahlkraft des Dienstes wiederherzustellen, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen.
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