Der Ukraine-Experte Nico Lange hat der Vorstellung widersprochen, im Krieg gegen die Ukraine stehe allein Kiew unter Druck. «Der Druck auf Russland ist erheblich», sagte Lange in einem Interview. Es sei völlig falsch anzunehmen, dass nur die Ukraine belastet sei. Das eigentliche Problem bestehe darin, dass US-Präsident Donald Trump den Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin derzeit lockere.

Langes Einschätzung fällt in eine Phase intensiver diplomatischer Aktivität. Nach Angaben des Kremls ist Russland bereit, dreiseitige Gespräche mit den USA und der Ukraine fortzusetzen. Putin habe diese Bereitschaft dem US-Sondergesandten Steve Witkoff bei einem Treffen in St. Petersburg signalisiert, sagte Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Als möglichen Termin nannte er die Zeit nach dem 10. November, als möglichen Ort Abu Dhabi. In diesem Format hatten zuletzt im Februar in Genf Gespräche stattgefunden, davor zweimal in Abu Dhabi. Das Weiße Haus bestätigte, Kiew und Moskau hätten den Vorschlag für ein weiteres Treffen auf technischer Ebene akzeptiert.

Das Treffen zwischen Witkoff und Putin im Konstantinpalast in St. Petersburg dauerte nach Kremlangaben rund drei Stunden. Witkoff habe berichtet, dass es «einige neue Ansätze bei den Europäern und bei Kiew» gebe, sagte Uschakow. «Aber uns stellen diese Nuancen, um es so zu sagen, nicht völlig zufrieden.» Details zu den veränderten Positionen nannte er nicht. Auf die Frage nach einem möglichen Ende des Krieges antwortete er: «Ich weiß nicht, wie weit wir dem näherkommen, aber es läuft darauf zu.»

Vor dem Treffen gab Putin die Freilassung des US-Amerikaners Stephen Hubbard bekannt, der 2024 zu langer Haft verurteilt worden war, weil er als Söldner an der Seite der ukrainischen Streitkräfte gegen russische Truppen gekämpft haben soll. Hubbard sei bereits auf dem Flughafen Pulkowo in St. Petersburg, sagte der Präsident. Witkoff dankte Putin für die Freilassung des über 70-Jährigen. Trump lobte die Freilassung in seinem sozialen Netzwerk Truth Social: «Für diese Freilassung war kein Austausch erforderlich.» Die USA hätten keine Gegenleistung erbringen müssen. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, Hubbard sei aus humanitären Erwägungen freigelassen worden.

Putin selbst dankte Trump erneut für dessen Bemühungen um eine Beendigung des Ukraine-Kriegs. Er machte deutlich, dass er sich ein Treffen mit Trump und dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping im November am Rande des Apec-Gipfels im chinesischen Shenzhen wünscht. Peskow sagte im russischen Staatsfernsehen erneut, es sei Sache der ukrainischen Seite, die notwendigen Schritte für einen Frieden zu ergreifen. Russland fordert seit langem als Bedingung für einen Waffenstillstand, dass sich die Ukraine komplett aus dem Gebiet Donezk zurückzieht. Kiew kontrolliert dort noch strategisch wichtige Städte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt ein solches Zugeständnis kategorisch ab, weil es für Kiew einer Kapitulation gleichkäme.

Am Rande der Gespräche zeigte sich Putin auch an wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit den USA interessiert. Nach den bereits vereinbarten Diesellieferungen könne Russland auch Dünger in großen Mengen für den amerikanischen Markt bereitstellen, sagte er. Der erste Tanker mit 40.000 Tonnen Diesel soll an diesem Donnerstag seine Reise starten. Witkoff hatte zuvor in Oslo mit Selenskyj und europäischen Spitzenpolitikern gesprochen und war am Mittwoch in die norwegische Hauptstadt zurückgekehrt, um über sein Treffen mit Putin zu berichten. Der norwegische Regierungschef Jonas Gahr Støre sagte dem Sender NRK, er glaube, dass man sich vielleicht in einer Phase befinde, in der sich auch die Russen nach Möglichkeiten für Diplomatie umsehen. Selenskyj erklärte, nun hänge viel davon ab, ob die US-Seite von Putin etwas Neues in Richtung Frieden höre.

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Sebastian Mertens

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Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.