Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die USA scharf kritisiert. Verzögerungen bei Waffenlieferungen und Einschränkungen beim Austausch von Geheimdienstinformationen seien «unter Freunden schwer zu erklären», sagte er bei einem Treffen mit einer US-Kongressdelegation. In einem Video auf Telegram beklagte er zudem fehlende Erklärungen für die eingeschränkte Nutzung des Satellitennetzwerks Starshield. Die Ukraine habe zuletzt dreimal keine Warnungen vor russischen Angriffen von ihren Partnern erhalten. Das Pentagon verzögere außerdem die Lieferung bereits bezahlter Patriot-Raketen. «All dies deutet darauf hin, dass eine politische Entscheidung getroffen wurde, die Unterstützung für uns zu drosseln», sagte Selenskyj.

US-Außenminister Marco Rubio wies die Anschuldigungen aus der Ukraine über zurückgehaltene Informationen zurück. «Es gab keine Unterbrechung», sagte er vor Reportern in Usbekistan. Er zeigte sich vom ukrainischen Präsidenten irritiert. Selenskyj hatte beklagt, abermals nicht von den Partnern vor russischen Angriffen vorgewarnt worden zu sein. Rubio sagte, es habe «vor einigen Nächten ein Softwareproblem» beim ukrainischen Frühwarnsystem gegeben. Daraufhin habe das für Europa zuständige US-Militärkommando Eucom den Sachverhalt untersucht. Allerdings schwächte die ukrainische Luftwaffe Selenskyjs Kritik wenig später ab. Luftwaffensprecher Jurij Ihnat erklärte im örtlichen Nachrichtenfernsehen, dass in der Nacht keine rechtzeitige Warnung vor der ersten Welle ballistischer Raketen erfolgt sei. Vor der zweiten Angriffswelle habe es jedoch eine Information von den Verbündeten gegeben. Dies sei bereits mehrfach der Fall gewesen. Zur möglichen Ursache machte Ihnat keine Angaben.

In der Nacht hatte Russland Kiew und die umliegende Region mit 16 ballistischen Raketen angegriffen. Dabei wurden nach Angaben Selenskyjs auch eine Klinik, eine Schule, eine U-Bahn-Station und Wohngebäude beschädigt. Zudem habe Russland mehr als 200 Drohnen eingesetzt. Nach den Angriffen in mehreren ukrainischen Regionen wurden mehr als zehn Energieinfrastrukturanlagen beschädigt. Mindestens 550.000 Familien waren ohne Strom. Selenskyj warf Russland vor, den Krieg durch weitere Angriffe in die Länge zu ziehen, und forderte die Partner auf, die Ukraine bei der Luftverteidigung weiter zu unterstützen.

US-Präsident Donald Trump zeigte sich unterdessen offen für einen Dreiergipfel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping. «Ich würde es tun», sagte Trump vor Journalisten in Washington. Vereinbart sei das Treffen aber noch nicht. Bei einem solchen Gipfel würden Atomwaffen und die Denuklearisierung im Mittelpunkt stehen, der Ukraine-Krieg könne aber auch zur Sprache kommen. Zugleich sagte Trump, Russland habe sich «in Bezug auf die Ukraine gut verhalten. Sie haben nicht viel gemacht» – ungeachtet der anhaltenden russischen Luftangriffe. Nach Ansicht Trumps sollte anstelle Selenskyjs jemand anderes die Friedensverhandlungen mit Russland führen. «Vielleicht ist es für Selenskyj an Zeit, jemand anderen verhandeln zu lassen», sagte er. Die USA stellten der Regierung in Kiew weiterhin Geheimdienstinformationen zur Verfügung.

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko appellierte unterdessen mit eindringlichen Worten an die Solidarität in Europa. «Wir wollen nie wieder Krieg in Europa. Frieden braucht unsere gemeinsame Verantwortung. Freiheit braucht Menschen, die füreinander einstehen», sagte er in einer Videobotschaft bei einer Preisverleihung in Berlin. Er wolle nicht, dass Europa die Ukraine im Stich lasse und diese kapituliere. «Aber das wird nie passieren.» Eigentlich hatte Klitschko seine Auszeichnung, den European Future Award, persönlich in Berlin entgegennehmen wollen. Doch die Lage in Kiew habe sich dramatisch zugespitzt, so dass er vor Ort bleiben müsse. Die Ukraine verteidigt sich mit westlicher Hilfe seit mehr als viereinhalb Jahren gegen eine großangelegte russische Invasion.

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Nora Dietrich

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Nachrichtenredakteurin

Nora Dietrich berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.