Russland baut seine Angriffskapazitäten mit schnellen, strahlgetriebenen Drohnen massiv aus. Ein Militärexperte warnt, dass die Luftabwehr europäischer Nato-Staaten gegen solche Übersättigungsangriffe womöglich schlechter aufgestellt ist als die der Ukraine. Die neuen Flugkörper erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 600 Kilometern pro Stunde und sind für viele Abfangsysteme kaum erreichbar.
Nahe der Stadt Millerowo ist innerhalb von nur sechs Wochen eine riesige militärische Anlage entstanden. Auf einer Fläche von rund 126 Fußballfeldern sind auf Satellitenbildern acht Startplattformen zu erkennen, auf zwei davon bereits Abschussschienen. Von hier aus könnten künftig die neuen russischen Angriffsdrohnen vom Typ Geran-4 und Geran-5 starten. Nach Einschätzung von Mike Monnik, Gründer des auf Drohnenbedrohungen spezialisierten Analyseunternehmens DroneSec, könnten von der Anlage mehr als 100 Flugkörper binnen 24 Stunden abgefeuert werden – ausreichender Nachschub vorausgesetzt. Der Bau zeigt, worauf Moskau setzt: möglichst viele Angriffswaffen in kurzer Zeit.
Die Ukraine bekommt die Wirkung der neuen Waffengeneration bereits zu spüren. Im September setzte Russland dort schätzungsweise 3.900 strahlgetriebene Geran-Drohnen ein – fast dreimal so viele wie noch im Juli. Viele ukrainische Abfangdrohnen sind zu langsam, um die neuen Flugkörper zu erreichen. Lange hatte Russland ukrainische Städte mit teuren Raketen und langsamen, aber billigen Angriffsdrohnen überzogen. Die ukrainische Luftabwehr passte sich mit mobilen Flugabwehrteams, elektronischen Störsystemen und günstigen Abfangdrohnen an. Moskau reagierte mit neuen Antrieben: Bei der Geran-3 ersetzte ein Strahltriebwerk des chinesischen Herstellers Telefly den bisherigen Kolbenmotor, die Geschwindigkeit stieg von rund 185 auf 350 Kilometer pro Stunde. Neuere Modelle wie Geran-4, Geran-5 und der Marschflugkörper S-8000 Banderol erreichen teils 600 Kilometer pro Stunde oder mehr und fliegen häufig zu hoch oder zu schnell für einfache Abfangdrohnen.
Für Europa könnte die Entwicklung noch gefährlicher werden. Der Raketenexperte Fabian Hoffmann vom norwegischen Institut für Verteidigungsstudien warnt in einer Analyse für das Center for European Policy Analysis, europäische Nato-Staaten wären in einem direkten Konflikt mit Russland womöglich verwundbarer als die Ukraine. Die neuen Waffen kosten deutlich weniger als klassische Marschflugkörper: Hoffmann schätzt den Preis der schnelleren Modelle auf umgerechnet etwa 135.000 bis 225.000 Euro pro Stück, langsamere Angriffsdrohnen kosten rund 45.000 Euro. Der Marschflugkörper Banderol wird von anderen Experten mit 45.000 bis 135.000 Euro veranschlagt. Der Vorteil für Russland: Die neuen Waffen sind schwerer abzufangen als herkömmliche Angriffsdrohnen, bleiben aber deutlich günstiger als klassische Marschflugkörper. Genau darauf zielen Übersättigungsangriffe ab, bei denen viele Flugkörper gleichzeitig eingesetzt werden. Selbst moderne Abwehrsysteme können dadurch an ihre Grenzen stoßen, wenn ihnen Zeit oder Munition ausgeht.
Dass schnelle Angriffsdrohnen längst auch Nato-Luftraum erreichen, zeigte sich am 17. Oktober: Zwei rumänische F-16-Kampfjets schossen über den eigenen Hoheitsgewässern im Schwarzen Meer zwei eingedrungene Drohnen ab. Verteidigungsminister Radu Miruta erklärte später, sie seien etwa 450 Kilometer pro Stunde schnell gewesen und vermutlich russische Geran-4. Bereits im September 2025 hatte die Nato bei einem russischen Drohnenvorfall über Polen unter anderem F-35-Kampfjets eingesetzt und mehrere Drohnen abgeschossen. Der frühere Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove hatte im April 2025 gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty gewarnt: «Sehen Sie, was in den Großstädten der Ukraine passiert ist. Das würde auch in einigen Großstädten Europas passieren.»
Das Bündnis verfügt zwar über moderne Kampfflugzeuge, Radarsysteme und Flugabwehr. Entscheidend ist aber, wie viele Angriffe es gleichzeitig abwehren könnte, wie lange die Munition reicht und was jeder Abschuss kostet. Ein teurer Lenkflugkörper gegen ein vergleichsweise billiges Ziel kann militärisch sinnvoll, auf Dauer aber zu teuer sein. Probleme gibt es bereits bei der Abwehr deutlich kleinerer Drohnen: Das Londoner Forschungsinstitut IISS dokumentierte im Juli mutmaßliche Drohnenflüge über europäischen Militärstützpunkten, darunter Ramstein und das niederländische Volkel. Dort wurden Ende 2025 an einem Tag bis zu zehn Drohnen gesichtet. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer, konnten aber offenbar keine abschießen. Die Forscher vermuten eine koordinierte russische Ausspähkampagne, nicht jeder Vorfall lässt sich jedoch eindeutig Moskau zuordnen. Gegen die schnelleren russischen Angriffsdrohnen sucht die Ukraine nach preiswerten Waffen, die mithalten können. Erste Erfolge gibt es laut Hoffmann mit strahlgetriebenen Abfangdrohnen. Für deren Bau braucht es jedoch kleine Jettriebwerke – und gerade daran herrscht Mangel.
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