Ein russischer Satellit hat sich einem ukrainischen Aufklärungssatelliten gefährlich genähert und damit Sorgen vor einer Ausweitung des Krieges auf den Erdorbit ausgelöst. Nach einem Flugmanöver am Freitag bewegt sich der russische Satellit Kosmos 2612 nach Angaben des Luft- und Raumfahrtexperten Marco Langbroek nur noch in einem Abstand von ein bis zwei Kilometern zu Iceye-X36. Ausgehend von aktuellen Trackingdaten könnte sich die Annäherung innerhalb von Stunden bis auf wenige Meter reduzieren, schrieb Langbroek am Samstagabend auf der Plattform Bluesky.
Der Satellit Iceye-X36 wird vom US-Ableger des finnischen Unternehmens Iceye betrieben. Die Firma hatte 2022 einen Vertrag mit der ukrainischen Regierung geschlossen und versorgt die Armee des Landes seither mit hochauflösenden Radarbildern der Erdoberfläche. Die Besonderheit dieser Satelliten liegt darin, dass sie den Boden mit Radarstrahlen abtasten, die Wolken durchdringen und auch bei Nacht Bilder liefern können. Aus Sicht des Kremls könnte ein Angriff auf diese Aufklärungskapazität daher lohnend erscheinen.
Langbroek betonte, es handele sich um eine Annäherung ohne Konsens. Ähnlich äußerte sich der Raumfahrtexperte Jonathan McDowell. «Meines Wissens ist dies die erste Annäherung von zwei aktiven Satelliten im erdnahen Orbit, zu der nicht beide Betreiber ihre Zustimmung gegeben haben», schrieb McDowell am Samstag auf der Plattform X. Er warte noch auf weitere Trackingdaten, um den Vorgang zu bestätigen, doch wäre es eine beispiellose Aktion Russlands, wenn sich der Verdacht bestätige.
Die Sorge der Experten ist nicht unbegründet. Satelliten können andere Satelliten auf verschiedene Weise zerstören, beschädigen oder lahmlegen. So können Laser oder Mikrowellen die Elektronik eines Satelliten beeinträchtigen. Ein Satellit kann auch als Kamikazewaffe gegen einen anderen eingesetzt werden. Denkbar ist zudem das Abfeuern eines Projektils, das einen feindlichen Satelliten mit reiner Bewegungsenergie zerstört. Nach früheren Angaben der US-Regierung hat Russland derartige Waffen bereits entwickelt.
Militärexperten befürchten schon länger, dass Russland seine hybride Kriegsführung in den Weltraum ausweiten könnte. Der Kreml selbst hatte zivile US-Satelliten bereits im Herbst 2022 zu legitimen Zielen erklärt, sollten diese zur Unterstützung der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland dienen. Angesichts des jüngsten russischen Manövers im All fordern nun auch Verteidigungsexperten der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies eine westliche Strategie gegen die Bedrohung durch Russland im Weltraum.
«Russische Aktivitäten in der Nähe westlicher Satelliten sollten im Kontext von Russlands hybrider Kriegsführung gegen europäische und US-Interessen betrachtet werden», heißt es in einer CSIS-Analyse vom Donnerstag. «Russland scheint entschlossen, seine feindlichen Aktivitäten im All auszuweiten, um die Reaktion des Westens auszutesten», schreiben die Experten mit Blick auf die ungebetene Annäherung. «Die USA und Europa sollten sich eine Antwort auf einen möglichen Kriegsakt im Weltraum überlegen und diese klar kommunizieren.»
Die Annäherung im Orbit fällt in eine Phase, in der sich der Krieg auch auf der Erde weiter zuspitzt. Die russischen Behörden meldeten zuletzt einen massiven Drohnenangriff der Ukraine auf die Region Sankt Petersburg, bei dem nach Angaben des Gouverneurs ein Mensch ums Leben kam. Zugleich berichteten Beobachter von Drohnenalarm an der Nato-Ostflanke, nachdem ein Flugobjekt offenbar über Polen gekommen war. Diese Entwicklungen unterstreichen, wie sehr der Konflikt inzwischen auch die europäische Sicherheitsarchitektur und den Luftraum über den Nachbarstaaten berührt.
Für die Ukraine ist der Zugang zu Satellitenaufklärung ein zentraler Bestandteil ihrer Verteidigungsfähigkeit. Die Iceye-Satelliten liefern unabhängig von Wetter und Tageszeit Daten, die für die Planung von Operationen und die Aufklärung russischer Stellungen genutzt werden. Sollte Russland diese Kapazität gezielt stören oder angreifen, wäre das ein weiterer Schritt in einer hybriden Auseinandersetzung, die längst nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld in der Ukraine stattfindet. Die westlichen Verbündeten stehen damit vor der Frage, wie sie ihre Satelliten und die ihrer Partner künftig schützen wollen.
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