Frankreich erlebt eine Welle der Gewalt und des Protests, die das Land tief erschüttert. In zahlreichen Städten – von Paris und Lyon bis Lille, Bordeaux und Angers – lieferten sich Demonstranten gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Das 140 Jahre alte Rathaus in Limoges ging in Flammen auf, Autos und Müllcontainer brannten. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein und nahm rund 1.500 Menschen fest. Die Bilder erinnern an bürgerkriegsähnliche Zustände und gehen um die Welt.

Auslöser der Proteste sind tiefgreifende soziale Missstände. Seit Mitte September demonstrieren Schüler gegen marode Schulgebäude, Lehrermangel und schlechte Berufsaussichten. Ihnen schlossen sich Studenten an, die trotz Abschluss keine Arbeit finden. Auch viele Menschen, die unter hohen Mieten, Lebensmittelpreisen und teurem Benzin leiden, gingen auf die Straße. Insgesamt sollen bis zu 800.000 Franzosen an den Protesten teilgenommen haben. In den sozialen Medien wird bereits zur Rückkehr der Gelbwesten aufgerufen – jener Bewegung, die 2019 aus Protest gegen höhere Spritsteuern entstanden war und sich zu einer breiten Front gegen die Regierung ausweitete.

Die Regierung von Präsident Emmanuel Macron steht massiv unter Druck. Macron ist beispiellos unbeliebt, denkt aber nicht an Rücktritt. Die Menschen wollen nicht noch ein Jahr warten, bis ein neuer Präsident gewählt wird. Die Unzufriedenheit mit der politischen Mitte wächst, und genau davon profitieren die Extreme. Auf der linken Seite steht Jean-Luc Mélenchon, 75 Jahre alt, mit seiner Partei «La France insoumise» («Unbeugsames Frankreich»). Sein Programm ähnelt dem der deutschen Linken: Rente mit 60, radikale Reform des Wohlfahrtsstaats, deutliche Erhöhung des Mindestlohns und weniger EU. Für die enormen Staatsschulden von 119 Prozent des Bruttosozialprodukts hat er eine einfache Lösung: einen Großteil davon annullieren oder einfrieren.

Auf der rechten Seite ist Marine Le Pen die Profiteurin der Krise. Die Ausschreitungen könnten ihre Chancen erhöhen, im vierten Anlauf Präsidentin zu werden. Die Zerstörung der politischen Mitte, die sich um Kontinuität bemüht und am Wunsch nach Disruption scheitert, vollzieht sich in Frankreich offenbar schneller als in Deutschland. Die gesellschaftlichen Missstände, die die Straßenschlachten auslösten, sind kein französisches Monopol: Marode Schulen, hohe Lebenskosten und Inflation plagen auch andere Länder. Doch die französische Tradition der Revolution und des militanten Protests macht das Land besonders anfällig. Gewerkschaften sind weitaus weniger staatsfromm als in Deutschland, und aus Partikularinteressen entsteht schnell eine gesamtgesellschaftliche Protestbewegung.

Nach Tagen der Anarchie kehrte am Sonntag vorübergehend Ruhe ein. Ob es die Ruhe vor dem nächsten Sturm ist, bleibt offen. Die Ereignisse mündeten in ein Ritual der Schuldzuweisung, wie es in Demokratien üblich ist. Die entscheidende Frage ist, welche dauerhaften Folgen daraus erwachsen. In Frankreich zeigt sich im Eiltempo, was in Deutschland in Zeitlupe vorangeht: die Erosion der politischen Mitte. Die Regierung muss nun einen Weg finden, die Wogen zu glätten – doch die Extreme stehen bereit, um von der Unzufriedenheit zu profitieren.

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Theresa Jungmann

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Reporterin

Theresa Jungmann berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.