In Brasilien haben am Sonntag die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen begonnen. Die Wahllokale öffneten am Morgen. Im Mittelpunkt steht das Duell zwischen dem amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und seinem Herausforderer Flávio Bolsonaro, dem Sohn des verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Das Rennen gilt als äußerst knapp.

Flávio Bolsonaro, zuvor ein wenig bekannter Senator, war von seinem Vater zum politischen Nachfolger erklärt worden, nachdem dieser wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt worden war und nicht selbst antreten konnte. Innerhalb weniger Monate stieg Flávio Bolsonaro dadurch rasant auf. Kurz vor der Wahl liegt er in Umfragen gleichauf mit Lula.

Die Wahl in Brasilien wird auch international mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Ein Sieg Flávio Bolsonaros wäre zugleich ein Erfolg für den US-Präsidenten Donald Trump, der sich seit Jahren für den Bolsonaro-Clan einsetzt. Der Familienclan pflegt enge Beziehungen zum Trump-Lager: Flávios Bruder Carlos knüpfte bereits während der Amtszeit des Vaters ab 2018 Verbindungen zur Maga-Bewegung und arbeitete mit dem rechten Vordenker Steve Bannon zusammen. Ein weiterer Bruder, Eduardo, ist als Lobbyist in Texas tätig und unterhält enge Kontakte zu Trumps Umfeld.

Flávio Bolsonaro hat angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs die Beziehungen zu den USA deutlich auszubauen. Er versprach, sich Trumps militarisierter Anti-Banden-Initiative «Shield of the Americas» anzuschließen und ein Freihandelsabkommen mit Washington aufzusetzen. Eine solche Ausrichtung würde einen Bruch mit der bisherigen Außenpolitik Lulas bedeuten, der auf Blockfreiheit und Multilateralismus setzt.

Lula verfolgt das Prinzip, gute Wirtschaftsbeziehungen zu allen Ländern zu unterhalten und von niemandem abhängig zu sein. Diese Haltung zeigt sich in seiner Rolle innerhalb der G20, bei Klimaverhandlungen wie der COP30 im vergangenen Jahr in Belém und im Brics-Bündnis, zu dessen Gründungsmitgliedern Brasilien 2009 gehörte. Heute versteht sich Brics als wirtschaftliches und geopolitisches Gegengewicht zur westlichen Dominanz, wobei Brasilien als gemäßigter Vertreter gilt.

Das Verhältnis zwischen Lula und Trump ist seit dem Urteil gegen Jair Bolsonaro schwer belastet. Trump hatte sich im vergangenen Jahr persönlich in den Prozess eingemischt, um die Verurteilung zu verhindern, und von einer Hexenjagd linker Kräfte gesprochen. Der mächtige Verfassungsrichter Alexandre de Moraes, der den Vorsitz führte, gilt als Lula nahestehend. Washington begann daraufhin einen Zollkrieg, dem die Lula-Regierung mit Gegenzöllen und scharfer Rhetorik begegnete.

Für die USA steht bei der Wahl auch ein strategisches Interesse auf dem Spiel. Brasilien verfügt nach China über die größten Vorräte an Seltenen Erden. Washington könnte damit einen großen Schritt aus der Abhängigkeit von China machen. Trumps erklärte Ziele sind die Vorherrschaft in der Region und eine Schwächung Chinas, das mit vielen Ländern Lateinamerikas stärkere Wirtschaftsbeziehungen unterhält als die USA.

Nach den Wahlerfolgen mehrerer Trump-naher Kandidaten gilt Brasilien neben dem links regierten Mexiko als letzte Bastion gegen einen vollständigen Rechtsruck in der Region. Den Anführer von Lateinamerikas größter Volkswirtschaft in den eigenen Reihen zu haben, wäre für Washington daher von großem strategischem Interesse.

Die Wahllokale in ganz Brasilien sind am Sonntag geöffnet. Mit ersten Ergebnissen wird im Laufe des Tages gerechnet. Das Ergebnis könnte auch über die politische Ausrichtung der Region insgesamt entscheiden.

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Sebastian Mertens

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Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.