Bei der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl hat Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva überraschend knapp besiegt. Nach Auszählung der Stimmen kam Flávio Bolsonaro auf 47,1 Prozent, Lula auf 45,1 Prozent. Damit erreichte keiner der beiden Kandidaten die absolute Mehrheit, sodass eine Stichwahl über die Zukunft Brasiliens entscheiden wird.

Lula zeigte sich am Wahlabend vor Anhängern im Hotel Renaissance in São Paulo ernüchtert. «Ich war überzeugt, diese Wahl im ersten Wahlgang zu gewinnen», sagte der 80-jährige Präsident. Zugleich gab er sich kämpferisch: Den Montag wolle er für politische Gespräche nutzen, doch «am Dienstag sollen sich die Bolsonaristas bereithalten». Er sei gut in K.-o.-Runden, erklärte Lula, und nun beginne «ein neuer Wahlkampf, ein Wahlkampf zwischen nur zwei Kandidaten, in dem wir die Unterschiede zwischen den bestehenden Vorschlägen für Brasilien aufzeigen können».

Hinter dem Wahlsonntag steht mehr als Innenpolitik. US-Präsident Donald Trump hatte in den brasilianischen Wahlkampf eingegriffen wie wohl kein ausländischer Politiker vor ihm in der jüngeren Geschichte des Landes. Bereits im Juli 2025 verhängte Washington 50-Prozent-Zölle auf brasilianische Waren. Das Weiße Haus begründete den Schritt offiziell mit «schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen, die die Rechtsstaatlichkeit in Brasilien untergraben» – gemeint war die Strafverfolgung von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, der während seiner Amtszeit von 2019 bis 2023 in den Medien auch als «Tropen-Trump» bezeichnet worden war.

Ende Juli 2025 sanktionierte das US-Finanzministerium zudem den Obersten Richter Alexandre de Moraes, der die Ermittlungen gegen Bolsonaro geleitet hatte. Finanzminister Scott Bessent begründete den Schritt damit, dass de Moraes sich selbst «zum Richter und zur Jury in einer unrechtmäßigen Hexenjagd gegen US-amerikanische und brasilianische Bürger gemacht» habe. Trumps Vorgehen folgt einem Muster: Bei den argentinischen Kongresswahlen im Oktober 2025 drohte er öffentlich mit der Streichung von Finanzhilfen, sollte die Partei von Präsident Javier Milei verlieren. In Honduras rief er vier Tage vor der Präsidentschaftswahl im Dezember 2025 offen zur Wahl des rechten Kandidaten Nasry «Tito» Asfura auf. In Kolumbien trugen Anhänger seines Wunschkandidaten Abelardo de la Espriella im Mai 2026 Kappen mit der Aufschrift «Make Colombia Great Again».

Trumps Einsatz war allerdings auch ein Wagnis. Zunächst schien er sich gegen ihn zu wenden, denn Lula verwandelte jeden Nadelstich in Wahlkampfmunition. Ein Beispiel war sein Washington-Besuch am 7. Mai. Der Brasilien-Experte Guilherme Casarões von der Florida International University analysierte anschließend, die Reise sei «vor allem eine innenpolitische Operation» gewesen. Das Treffen verlief harmonisch, echte Lösungen für die offenen Konflikte gab es nicht. Lula konnte sich danach laut Casarões «als Verteidiger der brasilianischen Souveränität positionieren». Außenminister Mauro Vieira brachte die Haltung auf den Punkt: Brasilien werde «nicht von einer fremden Hauptstadt fernregiert». Lula machte dies zum Hauptmotiv seines Wahlkampfs.

Trump verstärkte Lulas Botschaft unfreiwillig, als er nach dem Treffen auf Truth Social den «sehr dynamischen Präsidenten Brasiliens» lobte und das Gespräch als «sehr gut verlaufen» bezeichnete. Die Sanktionen gegen Verfassungsrichter de Moraes wurden im Dezember 2025 auf Lulas Drängen hin wieder aufgehoben – als Teil von Verhandlungen über die Rücknahme der Zölle. Am 26. Mai besuchte jedoch auch Flávio Bolsonaro das Weiße Haus, begleitet von seinem Bruder Eduardo. Gesprächsthemen waren organisierte Kriminalität, Zölle und Seltene Erden. Flávio lobbyierte offenbar erfolgreich für die Einstufung brasilianischer Kartelle als Terrororganisationen, denn wenige Tage nach dem Besuch vollzogen die USA diesen Schritt. Im Juli 2026 verhängte Washington erneut Zölle auf brasilianische Importe, im August entzog es dem brasilianischen Botschafter das Visum.

Das Hin und Her aus Druck, Entspannung und neuem Druck zeigt, dass Trump zu weitreichenden Maßnahmen bereit war, um die Wahl zu beeinflussen. Doch was die Wahl entschied, liegt wohl tiefer als Washingtons Kalkül. Zwar stärkte Trumps Positionierung für Flávio Bolsonaro dessen Rückhalt in der rechten und US-affinen Wählerschaft. Dass Lula nun überraschend deutlich nur den zweiten Platz im ersten Wahlgang erreichte, liegt nach Ansicht von Experten aber auch an einer generellen Verschiebung im Wählermilieu. Felipe Nunes, Direktor des Meinungsforschungsinstituts Quaest, nannte im Interview mit «O Globo» eine aufschlussreiche Zahl: «Im Jahr 2002 wussten 25 Prozent der Wähler nicht zu sagen, ob sie links, rechts oder in der Mitte stehen. Heute sind es nur noch vier Prozent.» Die politische Rechte Brasiliens hat ihre Position damit gefestigt – und die Stichwahl wird zeigen, ob Lula sein Comeback in der K.-o.-Runde gelingt.

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Theresa Jungmann

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Theresa Jungmann berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.