Die Zeit von Julian Nagelsmann als Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft neigt sich offenbar dem Ende zu. Nach dem enttäuschenden Ausscheiden im Achtelfinale der Weltmeisterschaft in den USA gegen Paraguay hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Personalie zur Chefsache erklärt. Nagelsmann und Sportdirektor Rudi Völler wurden am DFB-Campus in Frankfurt gesichtet, wo sie mit Verbandspräsident Bernd Neuendorf zusammentrafen. Beide verließen die Zentrale ohne Kommentar. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur hat Neuendorf bereits einen ausgewählten Kreis von Führungskräften per E-Mail über das weitere Vorgehen informiert und bekräftigt, „nicht zur Tagesordnung“ übergehen zu wollen.

Die Anzeichen verdichten sich, dass Nagelsmann gehen muss. Medienberichten zufolge soll die Ablösung des 38-Jährigen bis zum Wochenende vollzogen sein. Der DFB selbst hat sich bislang nicht offiziell geäußert. Nagelsmann hatte unmittelbar nach dem WM-Aus erklärt: „Ich laufe nicht weg!“ und sich bereit gezeigt, seine Arbeit fortzusetzen. Doch die Kritik an seiner Arbeit ist massiv. Eine Reihe von Ex-Nationalspielern hat öffentlich ein vernichtendes Urteil über den Chefcoach gefällt. Auch Völler äußerte sich in ersten Analysen zurückhaltend: „Ich bin überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, um weiterzumachen.“ Das Wort „wahrscheinlich“ deutet auf Unsicherheit hin.

Als Top-Kandidat für die Nachfolge gilt Jürgen Klopp, der sich derzeit in den USA aufhält und für MagentaTV die WM-Spiele analysiert. Klopp genießt in der deutschen Fußballszene hohes Ansehen und könnte das Amt übernehmen. Allerdings steht auch die Zukunft von Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig auf dem Spiel. Beide standen Nagelsmann im Vorfeld und während des Turniers eng zur Seite. Die Enttäuschung über die dritte WM-Blamage in Serie ist an der Basis des DFB so groß, dass ein umfassendes Personal-Aufräumen droht. Der Aufsichtsrat der DFB GmbH & Co. KG unter Vorsitz von Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, muss eine mögliche Trennung absegnen.

Bereits vor der WM gab es Unmut über Personalentscheidungen des Trainerteams. Die Verpflichtung von Alfred Schreuder, Nagelsmanns ehemaligem Co-Trainer in Hoffenheim, als weiteren Assistenten für die WM-Mission soll nur knapp genehmigt worden sein. Jetzt kommen alle Entscheidungen des Trios auf den Prüfstand. Dazu zählen die Rückholaktion von Manuel Neuer, die Positionierung von Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger und strategische Fehler wie die häufigen Familienbesuche im Hotel „The Graylyn Estate“ in Winston-Salem während des Turniers. Diese Punkte werden nun kritisch hinterfragt.

Vertraglich ist Nagelsmann bis zur Europameisterschaft 2028 gebunden. Eine vorzeitige Trennung würde den DFB eine Millionensumme kosten. Dennoch scheint der Druck auf den Verband so groß, dass eine schnelle Lösung bevorsteht. Präsident Neuendorf, der nach dem WM-Aus 2022 in Katar noch Hansi Flick gehalten hatte, steht nun selbst unter Druck. Damals war er noch frisch im Amt und in vielen Dingen überfordert. Diesmal hat er aus den Fehlern gelernt und handelt entschlossener. Die Lehren aus Katar 2022 zeigen sich: Neuendorf nannte Nagelsmann in seinem Statement am Flughafen nicht namentlich, was als Zeichen für eine bevorstehende Trennung gewertet wird.

Die öffentliche Meinung ist eindeutig. Der Boulevard drängt auf eine Blitzlösung und schiebt Klopp mit großen Überschriften ins Amt. Anders als nach dem WM-Debakel 2018, als Joachim Löw viel Zeit bekam und erst im Cabrio durch den Schwarzwald fuhr, um seinen Frust zu verarbeiten, ist diesmal keine Sommer-Hängepartie zu erwarten. Neuendorf hat allen Grund, von Nagelsmann enttäuscht zu sein. Als Mitglied des FIFA-Councils könnte er eigentlich in den USA bleiben und die Spiele genießen, doch stattdessen muss er zu Hause die Scherben zusammenkehren. Die Entscheidung über die Zukunft des Bundestrainers wird in den kommenden Tagen erwartet.

Autor

Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.