Angela Merkel ist fünf Jahre nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft so präsent wie lange nicht mehr. Ihr Porträt im Berliner Bode-Museum zieht derart viele Besucher an, dass die Ausstellung um drei Monate bis zum 3. Januar verlängert wurde. Am Nachmittag will die Altkanzlerin dort Postkarten mit ihrem Porträtmotiv signieren. Schon der Anblick des Gemäldes löst bei manchen Besuchern sichtbare Emotionen aus: «Tatsache, da ist sie», sagt eine Frau in Jeansjacke, als sie das Bild des Künstlers Jérémie Queyras zum ersten Mal sieht.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für Merkel hat in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Im Februar kehrte sie erstmals wieder zum CDU-Parteitag zurück und wurde dort gefeiert. Es folgten Gerüchte, sie könnte Bundespräsidentin oder Ukraine-Vermittlerin werden, die jedoch schnell dementiert wurden. Merkel trat auf Digitalmessen auf, sprach mit Jugendlichen, war auf TikTok präsent und tourt mit Lesungen durch das Land. Ihre 736-seitige Autobiografie «Freiheit» hat sich nach Verlagsangaben weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Bei ihren Lesungen und Signierstunden strömen weiterhin Hunderte Menschen.

Bei einer Lesung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde beschreiben Besucher, was sie an Merkel schätzen. Marlen Hannemann sagt, sie sei beeindruckt gewesen, wie Merkel «diese Männer, Putin und so, völlig unaufgeregt im Griff hatte» und wie sie das Land «ganz entspannt geführt» habe. Das habe ihr als Mensch in diesem Land viel Sicherheit gegeben. Annett Lührmann, die neben ihrem Mann in einer der vorderen Reihen sitzt, lobt, Merkel habe «Corona und die Flüchtlingswelle» gemeistert – «das muss erstmal einer anders und besser machen». Fehler mache jeder im Amt, fügt sie hinzu.

Auf der Bühne trägt Merkel diesmal einen roten Blazer. Die 72-Jährige winkt kurz ins Publikum und sitzt dann an ihrem Lesetisch. 90 Minuten lang spricht sie in dem seit 16 Jahren vertrauten Sound – von der Kindheit in Templin bis ins Kanzleramt, von «Wir schaffen das» bis zur AfD, von der russischen Annexion der Krim bis Corona. Den lautesten Applaus erhält sie, als sie Einsatz für die Demokratie einfordert und ihre Nachfolger einschwört: «Maß und Mitte, das ist Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.»

Für ihren Nachnachfolger Friedrich Merz sind solche Ratschläge ein hartes Brocken. Der CDU-Chef wollte bewusst einen anderen Kurs, versprach Aufbruch und Wende. Doch nach gut einem Jahr im Amt sind seine Zustimmungswerte historisch schlecht. Laut ARD-«Deutschlandtrend» sind neun von zehn Befragten eher oder sehr unzufrieden mit Merz. Die AfD hat die CDU in bundesweiten Umfragen längst überholt. Der CDU-Chef kämpft um seine Autorität und ringt mit dem Koalitionspartner SPD.

Der Umfrageforscher Peter Matuschek vom Institut Forsa sieht in dem Vergleich eine klare Tendenz. «Wenn man jetzt fragt nach dem Vergleich, dann sagt eine Mehrheit, dass Merz nicht besser regiert als sein Vorgänger Olaf Scholz, den er immer kritisiert hat», sagt Matuschek. Bei Merkel falle das Urteil noch eindeutiger aus. «Da mag natürlich auch ein bisschen Nostalgie im Spiel sein. Aber Merkel hatte eben auch in ihrer aktiven Zeit sehr, sehr hohe Zustimmungswerte.» Merz' Anspruch von «CDU pur», einer Rückkehr zu einer profilierteren, konservativeren Linie, sei ein Grundirrtum gewesen. «Auf der Wählerebene ist das komplett nach hinten losgegangen. Denn selbst bei ihrer letzten Wahl hatte Merkel immerhin noch ein Ergebnis von knapp 33 Prozent.» Mit Merz erreichten CDU/CSU im Februar 2025 noch 28,6 Prozent. In Umfragen liegt die Union aktuell bei 18 bis 20 Prozent.

In der Union wird die Merkel-Nostalgie mit Interesse beobachtet. Das hänge wohl auch mit dem Stil der Altkanzlerin zusammen, heißt es dort. Anders als bei Scholz oder Merz wirke ihr Auftreten für viele nach wie vor glaubwürdig bescheiden, bodenständig und unprätentiös. Die Welt habe in ihrer Regierungszeit klarer und übersichtlicher gewirkt. Merkel habe den Eindruck vermittelt, die damaligen Krisen seien beherrschbar – was, wenn überhaupt, nur teilweise stimmte. Viele Jüngere, die mit Merkel als Kanzlerin groß geworden seien, sehnten sich nach dieser Sicherheit zurück und nach ihrem verbindenden, unpolemischen Politikstil.

Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte sieht darin ein Zeichen der Zeit. «In Zeiten unserer Aufregungsdemokratie tut es gut, diese Merkel'sche Empörungsverweigerung mitzuerleben», sagt der emeritierte Professor der Universität Duisburg-Essen. «Präsidiale Leutseligkeit – überparteilich, provozierend unpathetisch – ist ungewöhnlich für die Berliner Republik der Wichtigtuer.» Merkel spreche, zumal nach ihrem Abschied aus dem Amt, keine technokratische Sprache. «Jeder versteht sie», meint Korte.

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Sebastian Mertens

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Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.