Der Auschwitz-Überlebende Hermann Höllenreiner ist tot. Der bayerische Sinto, von seiner Familie «Mano» genannt, starb am 16. Oktober im Alter von 92 Jahren im oberbayerischen Mettenheim bei Mühldorf am Inn im Kreise seiner Familie. Das teilten der Hanser Verlag in München und das Internationale Auschwitz-Komitee mit. Höllenreiner hatte als Kind das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sowie die Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt.

Geboren wurde er in München in eine große bayerische Sinti-Familie. Im Alter von neun Jahren wurde er deportiert. Im Januar 1945 gelang ihm auf einem der sogenannten Todesmärsche die Flucht, damals war er elf Jahre alt. Nach der Befreiung blieb er völlig entkräftet auf einer Landstraße liegen und wurde von befreiten Französinnen gerettet und nach Frankreich mitgenommen. Dort lebte er in einer Pflegefamilie, die das schwer traumatisierte Kind liebevoll aufnahm, bis Ende 1946 seine leibliche Familie in München gefunden und er mit ihr wiedervereint werden konnte.

Über viele Jahrzehnte seines Lebens konnte Höllenreiner nach den Worten von Christoph Heubner, dem Exekutiv-Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees, nicht über das Erlebte sprechen. «Erst spät in seinem Leben begann er zu erzählen und wurde ein großer Zeitzeuge, der von den Schrecken von Auschwitz, von den Tätern und Opfern, vor allem aber von der immer noch andauernden Diskriminierung der Sinti und Roma in Europa eindringlich berichtete», würdigte Heubner den Verstorbenen. «Mano Höllenreiners Lebens- und Leidensgeschichte reicht für mehr als ein Leben aus. Was er als Kind in Auschwitz mit eigenen Augen sah und was ihm als Kind angetan wurde – über viele Jahrzehnte seines Lebens hat er darüber nicht zu sprechen gewusst.» Auschwitz-Überlebende in aller Welt dankten ihm für seinen Mut und seine Menschlichkeit, so Heubner weiter: «Hermann Höllenreiner sprach auch in ihrem Namen.»

Die Autorin Anja Tuckermann hat seine Geschichte in dem Buch «Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war» dokumentiert. Für sein Engagement wurde Höllenreiner 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Auch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten trauert um ihn. «Mit Hermann ‹Mano› Höllenreiner verlieren wir eine wichtige Stimme der Sinti und Roma und einen eindringlichen Mahner gegen das Vergessen», sagte Stiftungsdirektor Karl Freller. «Indem er seine Geschichte mit uns teilte, trug er maßgeblich dazu bei, den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma und ihr gesellschaftlich viel zu lange verdrängtes Leid fest in unserer Erinnerungskultur zu verankern. Sein Mut und sein Wirken bleiben uns Verpflichtung.»

Höllenreiner gehörte zu den wenigen Überlebenden, die noch selbst von der Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus berichten konnten. Der Völkermord an dieser Minderheit war lange Zeit kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert. Umso größer ist die Bedeutung seiner späten Arbeit als Zeitzeuge, die er bis ins hohe Alter fortsetzte. Sein Tod fällt in eine Zeit, in der immer weniger Menschen aus eigener Erfahrung über die Verbrechen der NS-Zeit berichten können.

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Sebastian Mertens

Autor

Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.